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01.05.13

Nowosibirsk monstriert. Schon wieder.

         Nowosibirsk ist nicht als Nowosibirsk geboren. Den Namen, der im Russischen so dynamisch klingt, hat der Ort erst 1926 bekommen, statt Nowonikolajewsk. Der alte Name wies auf den damaligen Zaren hin, Nikolaj den Zweiten. Im neuen - sowjetischen -Russland sollte diese Spur völlig verschwinden, und so kam neues Sibirien auf die Karte Russlands. Und plötzlich wuchs die Stadt. Rasant. Von 120 000 Einwohner im Jahre 1926 auf 404 000 im Jahre 1939. Hat denn der  neue Name so sehr die Stadr beeinflußt? Ich weiß, was für Tricks Russisch spielen kann. Ein neues Wort ist imstande, total das ganze Leben zu verändern. Das hat sich der Ort irgendwie gemerkt. Und so kamen auf die Welt Akademgorodok, das Totalny Diktant, und die Monstration. Das sind Wörter, die Nowosibirsk der russischesprachigen Welt geschenkt hat. Die letzten zwei schon im neuen Russland, das die Sowjetunion abgelöst hat.
        Heute hat Nowosibirsk zum 10. Mal monstriert. Die erste Monstration hat am 01.05. 2004 stattgefunden, wobei etwa 80 Teilnehmer neben der offizielen Demonstration (eine noch von der sowjetischen Zeiten übernommene Tradition, als der Tag des Schaffens gefeiert wurde) ihr eigenes Happening organisiert haben. Dieses lehnte sich wiederum an die Veranstaltung "Stjobiusband", organisiert 1995 von Nowosibirsker Künstlern. Der Name war auch ein schönes Wortspiel, einerseits ist es der Hinweis auf das Möbiusband und andererseits steckt da das russische Wort "Stjob", was   für Witz und Spott steht. Die Teilnehmer hielten  absurde und lusitge Parolen hoch, wie z.B. "in vino veritas, aber die Wahrheit an sich ist in der Wodka".
        Diese Veranstaltung "Stjobiusband" aus 1995 lehnte sich an Demonstrationen aus den 20-ern,  als gleich nach der sozialistischen Revolution avantgardistische Künstler wie Dichter Majakowsky, Burljuk, Bely noch Freiheit hatten,  geistige wie intellektuelle und physische. Man hatte damals noch geglaubt, dass eine helle Zukunft auf weitere Generationen zukommt. Bis zu Stalinssäuberungen waren noch etwa 15 Jahre. Da nahm das Schicksal des ganzen Landes schon eine Kurve, der es nicht mehr zu entgehen war. Aber in den 20-ern ist der Geist der Freiheit und der Befreiung noch da. Wie 1995 in Nowosibirsk. Die Künstler hatte sogar der damalige Gouverneur Iwan Indinok begrüßt. Es stand dabei auf der Treppe des Nowosibirsker Regierungsgebäudes, das lustigerweise der Gemäldegaleire gegenüber liegt.  Gerade fand das "Stjobiusband" seine Fortsetzung, wobei Dichter dichteten, Maler  zum Gedichteten malten und Musiker  Musik zum Gedichteten und Gemalten spielten. Es ging lustig zu, kein Hauch von Verboten und Missbilligung seitens der Regierung. Eine goldene Zeit im Nachhinein.
       Also diese Traditionen aus den 20-er und 1995, beides Ausdrucksmöglichkeiten der russischen Intelligenzija, führten zur Monstration 2004. Es kamen wieder lusitge absurde Parole. Aber nicht mehr, weil wir viel Freiheit hatten oder uns von der Vergangenheit trennen wollten. Organisiert die Monstration hatten nun sehr junge Leute, unter 30. Die Gesellschaft war zu der Zeit apolitisch geworden. Und was in der Politik los war, das war absurd. Man lacht manchmal um nicht zu weinen. 
       Die Monstration war gedacht als eine künstlerische Aktion, wenn Teilnehmer ihre Parolen in der Hand sprechen lassen. Der Name ist von "Demonstration" abgeleitet, aber da das Präfix "de" eine dekonstruktive Bedeutung hat, wurde darauf verzichtet.  Parolen waren eigentlich  auf den ersten Blick apolitisch. Aber wer unter den Zeilen lesen kann, der versteht schon was. Und lacht. Meine Lieblingsparolen stammen aus dem vorigen Jahr, als im Land plötzlich Proteste kamen, nach den Wahlen in die Duma, nach dem Schachspiel mit dem neuen alten Präsidenten. Das sind die: "Мы - это вы. Только лучше" - "Wir seid ihr. Bloß besser" (ein Gespräch von jungen Leuten mit den älteren Generationen, die an der Macht sind), "не учите нас жить, иначе мы научим вас" -"Lehren Sie uns nicht zu leben, sonst lehren wir Sie", "Sie stellen uns nicht mal vor" (eine Anspielung auf die Resultate der Wahlen in die Duma, wobei die Abgeordneten praktisch die Wähler nicht vorgestellt hatten, da bei Stimmenauszählung viele Tricks eingesetzt worden waren. Und wie der Satz im Russischen gebaut war - "Вы нас даже не представляете" - das konnte man gleichzeitig verstehen als "Sie stellen sich nicht mal vor, wie wir sind"). Ich genieße richtig diese tollen Spiele mit der Sprache.
           Da diese künstlerische Aktion sehr frisch, aussagekräftig war, fand sie Fans in weiteren Städten Russlands und ehemaligen GUS-Ländern. Die Monstration wie auch das Totalny Diktant hat die Grenzen von Nowosibirsk und Russland überschritten.  2011 wurde sie  vom Staatlichen Zentrum für moderne Kunst (Moskau) mit dem Preis für die Innovation in der Kunst ausgezeichnet. 2013 sollen alleine in Nowosibirsk etwa 3 500 Leute mitgemacht haben.
          Bloß wird es von Jahr zu Jahr schwieriger. Schrauben werden langsam aufgedreht. Auch das Absurde kommt verdächtig vor. Wenn die städtische Regierung nicht so aktiv dagegen gewesen wäre, wäre vielleicht die Monstration nicht so populär geworden. Artjom Loskutow, der Organisator, sollte sich schon viel einfallen lassen, damit die Monstration doch stattfindet. Legal. Eben auf die Legalität wird viel Wert gelegt. Ich habe ab Anfang April mit Interesse die Geschichte mit "Genehmigung" und "Verbot" verfolgt. Nicht nur ich. Das hätte eine Art Vorfreude auf das Fest sein können, wenn es nicht so traurig gewesen wäre. Man weiß wirklich nicht, wie zu reagieren, wenn man zum Beispiel liest, dass in Krasnojarsk die Monstration unter der Bedingung genehmigt wird, wenn Parolen nicht absurd sind. Und das bei einem Fest der Asburde! 
Doch hat die 10.Monstration stattgefunden. Die Hauptparole war "вперед к темному прошлому!" was im Deutschen "Vorwärts zur dunklen Vergangenheit!" heißt (ein Gegensatz zur Folskel aus der sowjetischen Zeit "вперед к светлому будущему", also "vorwärts zur hellen Zukunft!")
Hier sind die Fotos
wir sind nur Schachbauern



Weitere Fotos sind hier zu sehen.

05.04.13

Total diktatorisch oder die Wahl der russischen Intelligenzija

        Tja, es ist weltbekannt, dass Russlland  ein geheimnisvolles Land ist, das komische Traditionen hat, auf die es trotz aller Veränderungen, Innovationen, Modernisierungen, Demokratisierungen nicht verzichten kann. Irgendwo so tief, im Blut vielleicht, in den kleinsten DNA, sitzt etwas, was von einer Generation zur anderen geerbt wird, was sich aber evolutionsgemäß der gegenwärtigen Welt anpassen muss. 
        Zum Beispiel, wir hatten schon immer wenig Neigung zur Demokratie. Es herrschte immer ein Zar, wenn der auch der Generalsekretär der Kommunistischen Partei geheißen hat. Stalin war ein Diktator, mit dessen Erbschaft wir immer noch nicht fertig sind. Vielleicht deshalb, um das fertig zu kriegen, haben kluge Köpfe aus der Nowosibirsker Staatuniversität mal beschlossen, dem Wort "Diktator" eine neue Bedeutung zu verleihen, die dem Geist der Stadt entspricht, die wie ich schon mal erzählt habe, selber ein Projekt dreier Generationen der russchen Intelligenzija ist. Diese Erbschaft der Intelligenzija wird besonders aktiv durch die Luft in Akademgorodok  übertragen, es reicht manchmal, nur nach Akademgorodok zu fahren und da ist man schon unheimlich intelligent:)) intelligent in dem Sinne, wie es in Russland aufgefasst wird, über das IQ hinaus, tief ins Herz eingreifend, wo  Liebe zu Weiten, zur Welt und zum Weltall verweilen.
          Also am 11.März 2004 haben sich 200 Leute von der Geisteswissenschaftlichen Fakultät der NSU versammelt, um ein Diktat mitzuschreiben. (wörtlich aus dem Russischen übersetzt würde die Fakultät eine humanitäre heißen, nicht geisteswissenschaftliche. Die russische Variante mag ich lieber, weil die Wissenschaft, wenn die auch vom Geiste ist,  ja doch  nicht alles erklären kann, was den Menschen, also das Humanum angeht). Heute würde man dazu sagen, ein Flash-Mob. Stimmt auch. Aber die von Akademgorodok hatten nicht das Ziel, sich  zu amüsieren, sondern den Begriff "russische Intelligenzija" wiederzubeleben. 
        Schon immer, seit den Zeiten des zaristischen Russlands, auch in der Sowjetunion, waren die Belesenheit und  das fehlerfreie Schreiben Merkmale der russischen Intelligenzija, die damals den Ton für die ganze Gesellschaft gegeben hat. Es war nicht der Mittelstand, wie in Deutschland oder ganz Europa, der ein Motor für die Fortbewegung war und immer noch ist, sondern die Intelligenzija.  Also nicht (oder nicht nur) die Summe auf dem Konto und nicht die Kaufkraft haben Orientiere für die Gesellschaft gesetzt, sondern die Fähigkeit, zu denken und zu fühlen und das in Worte zu fassen. Das war alles anerkannte geistige Elite, die höchste Stufe in der Gesellschaft. Auch die Sowjetunion hat da nichts verändern können, alle Stalins Säuberungen konnten diese Zugehörigkeit zur Elite nicht vernichten. Vielleicht weil das wirklich nicht übers Blut geerbt wird, sondern über die russische Sprache, deren regenerative Kraft mein Lieblingsschriftsteller Brodsky besungen hat.
        Während der Perestrojka und in der Zeit darauf stürzte vieles zusammen. Luxuriöse Waren, bunte Verpackungen, Reisefreiheit waren eine Art Sinntflut, die die Intelligenzija von ihrer Höhe herabgeschwemmt  hat. Es war nicht mehr cool, ein Intelligent zu sein, fehlerfrei zu schreiben. Es wurde cool, sich teure Klamotten, Autos zu kaufen, auf den Urlaub ins Ausland zu reisen. Das Recht des Starken hat alles überwogen. Und Intelligenten waren nicht die, die aus solch einem Ringen als Sieger davon kommen. Die Sieger, die zur Zeit der Intelligenzija, als Dreiler genannt waren (nach der Schulnote "drei", also "befriediegend"), haben eine neue Wirtschaft in Russland gebaut, weil sie mehr Kraft gazu hatten. So dauerte es bis etwa 2000. Dann ist es in der Gesellschaft irgendwie zur Besinnung gekommen. Dann haben auch die neuen Russen (ein sehr spottischer Begriff) verstanden, dass alleine das Geld einen nicht zur Elite macht. Das Bestreben nach alten Werten schwebte in der Luft, und weil die Luft von Akademgorodok eine besondere ist, hatte es eben da funktioniert. 
         Die Organisatoren vom "Totalny Diktant" (das totale Diktat) wollten den für unsere Traditionen wichtigen Begriff  "intelligent" wieder auf den Höhenpunkt bringen, denn in der Zeit der Perestrojka wurde "intelligent" zum Synonym "Verlierer". 200 Leute wollten beweisen, dass sie keine Verlierer sind, dass es wieder Mode sein soll, fehlerfrei zu schreiben (so lautet das Motto des Projekts). So ging es 5 Jahre vor, dass Texte aus der russischen klassischen Literatur ausgewählt worden waren, jemand sie vorgelesen hat , Diktate  geprüft wurden, Noten erteilt. Schluss. 200 Leute immer dabei.
            Aber 2009 ist jemand auf die Idee gekommen, Psoi Korolenko als "Diktator" (einer, der diktiert, nicht diktatorisch regiert:)))  einzuladen. Statt 200 waren plötzlich 600 Leute gekommen. Ein langweiliges schulisches Diktat wurde plötzlich zu einer Art Show. Das war ein Wendepunkt in der Geschichte des Projekts. 
      2010 haben sich der Nowosibirsker Staatsuniversität weitere Nowosibirsker Unversitäten, Bibliotheken, Schulen angeschlossen, vorgelesen wurde es gleichzeitig an 17 Veranstaltungsorten in der Stadt, mitgemacht haben schon 2 400 Leute, unter denen auch große Geschäftsleute, Wissenschaftler, Minister aus der Gebietsverwaltung zu sehen waren. Der Text  wurde dazu extra von einem bekannten Schriftsteller Boris Strugazky geschrieben, was ich auch sehr symbolisch finde, denn eben Boris Strugazky und sein Bruder Arkady unter einer totalen sowjetischen Zensur Phantasy geschrieben haben, in denen ein intelligenter Mensch unter den Zeilen die Wiederspiegelung der sowjetischen Realität ablesen konnte. Und nicht nur die Wiederspiegelung. Wenn man ihre Bücher heutzutage liest, so kann man eine Gänsehaut kriegen, wie provisorisch die noch in den 60-70-er die geistige und wirtschaftliche Krise beschrieben haben, die heute die ganze Welt befallen hat. Die Gebrüder Strugazky haben für die sowjetische Intelligenzija eine Brücke in die Zukunft gebaut, keine phantastische Zukunft, sondern die, die jetzt meine Gegenwart ist. Es war Mode, Strugazky zu lesen, zu zitieren. Immer noch werden ihre Bücher gut verkauft. Es gibt ewige Werte, deren Geltung nicht vergeht:))
             Über das totale Diktat haben damals alle Nowosibirsker Massmedia erzählt und manche föderale auch.
          Im Februar 2011 wurde das Totalny Diktant mit einem Preis ausgezeichnet, der ein großes Interesse am Projekt in mehreren Städten Russlands geweckt hat.
         2011 haben schon 4785 Leute aus 13 Städten Russlands mitgemacht, der Text wurde wiederum von einem jungen populären Schriftsteller, Kritiker, Journalisten Dmitry Bykow geschrieben.
         2012 waren es schon  14 217 Teilnehmer  in 89 Städten aus 11 Ländern, die sich den Text von Sachar Prilepin haben diktieren lassen. 
        Morgen kommt der Text von Dina Rubina.  Etwa 30 000 Leute in 177 Städten aus 35 Ländern werden den mitschreiben. Meine Lieblingschritstellerin ist dazu nach Nowosibirsk gekommen. Sie lebt eigentlich in Israel, schon lange. Aber sie bleibt eine russische Schriftstellerin, denn sie schreibt auf Russisch und über Russen, wenn auch ihre Charaktere in der ganzen Welt zerstreut sind. Wenn diese Russen auch mal judischer, ukrainischer Herkunft sind, bleiben sie alle trotzdem "russisch", denn all sie sprechen Russisch. Und alle Schriftsteller, die für das Projekt geschrieben haben, halten das für eine große Ehre. Soll ich erklären, warum?
    Ich habe schon geschrieben, dass Nowosibirsk eine Stadt ist, an der man die Zukunft Russlands vorhersagen kann. 200 intelligente Leute brauchten 6 Jahre, damit das Projekt von selbst, von seiner eigenen Kraft wächst, unterstützt nur durch Interessente, Gleichgesinnte. Nowosibirsker haben es geschafft, das Totalny Diktant über die Grenze zu exportieren. Nicht Gas oder Öl. Das haben wir nicht in Nowosibirsk. Sondern, diesen Wunsch, sich fehlerfrei ausdrücken zu können, sich selbst unter Beweis zu stellen, ob man ein Humanum ist, oder ein Verbraucher. Und auf die Weise entstehen und sich entwickeln konnte das totale Diktat nur in Nowosibirsk. Das ist ein magischer Ort, den die russische Intelligenzija für ihren Fortbestand gewählt hat. Ausgesucht. Mit Liebe eingerichtet. Deshalb liebe ich diese Stadt. Aber pst....das ist ein großes Geheimnis.
weitere Fotos sind hier zu sehen 

08.03.13

12 Chellisten der Berliner Philarmoniker


2 Tage vor dem Konzert waren in der Kasse unseres Opernhauses nur noch 3 Tickets übrig. Die weiteren 2 447 Plätzen waren ziemlich schnell ausverkauft. Das Büro von Goethe-Institut in Nowosibirsk und das deutsche Generalkonsulat haben eine sehr gute Werbung gemacht, Poster und Plakate waren überall in der Stadt zu sehen. Aber auch haben die Kenner schon im voraus nachgefragt, wie sieht es eigentlich mit dem Programm Deutschlandsjahr in Russland weiter aus.
Am 3.März war es so weit. Nowosibirsk hat sich so sehr auf das Konzert gefreut, dass sogar das Wetter mitgemacht hat. Es waren etwa +3 und es hat geregnet. 

Die Atmosphäre ist sehr gut auf Fotos von Viktor Dmitriejew zu sehen. Die Auswahl habe ich gemacht.
Fotos vor dem Konzert:



Nach dem Konzert wollten Nowosibirkser die Chellisten nicht los lassen. Eine Applauswelle kam nach der anderen. Die Musiker waren überrascht:


 Und hier ist Nowosibirsk von morgen:


Es war ein sehr schöner Abend:

03.03.13

Bald kommt der Sommer. Vielleicht...

Total unerwartet hat es heute geregnet. Es ist vielleicht ganz ok für Europa, dass es am 3.März regnet. Aber wir in Nowosibirsk pflegen noch Anfang April durch den Schnee zu laufen. Und heute regnet es. Das ist eine Katastrophe für uns, vergleichbar damit, wie es in Deutschland ankommt, wenn 4 cm Schnee plötzlich im Dezember  auf den Straßen liegen.
Weitere Fotos sind hier  zu sehen.

Wie komisch es sein kann, so habe ich heute doch verstanden, bald kommt der Sommer, mit Ice-Hot-Charlston Sibirea

30.01.13

"Messe" von Bernstein: Erstaufführung in Russland, d.h. in Nowosibirsk


Am 29.01.2013 wurde im  Nowosibirsker Opernhaus Messe von Leonard Bernstein aufgeführt, zum ersten Mal in Russland. Die lettische Regisseurin Rēzija Kalniņa hat in einem Interview gesagt, dass die Oper nur in Sibirien, sonst nirgendwo anders in Russland aufgeführt werden konnte, weil in Sibirien immer noch, trotz Internet, Flugverbindungen zur ganzen Welt immer noch die Stille zu finden ist. Und Menschen brauchen Stille, um einander, dem Gott zuzuhören.
Der Verwirklichung vom langjährigen Traum von Rēzija Kalniņa, diese Oper über Gott im Leben jedes einzelnen aufzuführen, haben über 220 Nowosibirsker Schauspieler, Musiker und Sänger geholfen, unter ihnen waren auch Sänger aus Lettland und Estland.
Weitere schöne Fotos von der Erstaufführung von Viktor Dmitrijew sind hier zu sehen.
Am 31.01.2013 um 15.30 moskauer Zeit (12.30 deutscher Zeit) ist "Messe" online hier zu sehen.

18.01.13

Internationales Schneeforum 2013 und sibirische Schönheiten in Bikinis

     In Nowosibirsk findet das internationale Schneeforum statt, im Rahmen dessen Vorträge über Klimawandel gehalten werden. Aber nicht nur Wissenschaft und Wirtschaft sind im Spiel, sondern auch gibt es einen Shooting von einer Nowosibirsker Modelagentur, während dessen Schönheiten in Bikinis vor Schneeskulputeren bei -26 Grad trotzdem gemodelt haben. Wie sich Sibirierinnen gegen Kälte abhärten, ist  hier zu sehen.
      Mit dem Forum zusammen zieht in die Stadt der sogenannte Theophaniefrost ein, es wird am Wochenende mit -36 gerechnet. Aber das stört nicht die, die morgen, am Theophanietag ins Eisloch am Ob untertauchen werden. Etwa 20 Eislöcher sind in der Stadt, den Ob entlang zerstrreut. So ist es halt bei uns:))


19.12.12

Der Frost und Mephisto


       
        Seit über zwei Wochen habe wir einen richitgen Frost, bis -44. In der Stadt ist es relativ wärmer, wenn man annehmen könnte, dass 5 Grad da eine Rolle spielen könnten. Auf dem Lande, wo Abgаse die Luft nicht erwärmern, sind es -44. Die Städtler vergnügen sich mit -36-39. Bei so einer bissigen Kälte hat man wenig Lust, etwas draußen zu unternehmen, außer schnell von zu Hause zur Arbeit und zurück zu rennen. Shopping und Cafes verlieren auch an ihrer Attraktivität. Ich frage mich mal auch ganz ernst, ob ich wirklich einkaufen gehen soll, vielleicht ist es höchste Zeit, eine Diät zu halten. Aber dann verstehe ich, dass bei -36 mein Körper doch Energie braucht, um die Kälte zu bekämpfen.
          Nach etwa einer Woche von so einem Leben möchte man doch was schönes erleben. Und wenn man nicht gerne ausgeht, so richtet einer sein Leben drinnen ganz gemütlich ein, sei es auch sein eigenes Zuhause oder die Uni.
          So hat  eine Dozentin von der Nowosibirsker Medizinuniversität, ein Fan von unserem Opernhaus, eine Überaschung für ihre Studenten vorbereitet. Ganz ruhig hat sie die Vorlesung über ethische Probleme in der Eugenik und bei genethischen Manipulationen gehalten, dabei hat sie die Stellung der christlichen Kirche zur Verjüngung erwähnt und ihre Medizinstudenten an die Legende über Doktor Faust von Goethe erinnert.
Und da springt plötzlich ein Student im weißen Artzkittel auf und singt die erste Strophe aus der Oper "Faust" von Charles Gounod vor. Was dabei auffällt, ist es, dass die Stimme eingetlich zu schön für einen Medizinstudenten ist. Und es hat sich herausgestellt, dass es ein bekannter Opernsänger Karen Mowsessjan ist. Seinem Gesang schließen sich auch weitere Opernsänger an, die die Dozentin Julija Maximowa zu ihrer Vorlesung eingeladen hat.
Zu sehen ist das ganze hier, ab 0:33

Das war ein Flash-Mob des Opernhauses aus dem geistreichen Projekt "Wir besingen diese Stadt neu". So amüsieren wir uns, wenn es draußen kalt ist. Kalt draußen heißt ja nicht, dass das Leben erfriert. Da sind wir gezwungen, sich etwas einfallen zu lassen, damit der Geschmack des Lebens nicht vergeht.
Man sieht sich:))

04.12.12

Es hat geschneit. Es schneit. Es wird schneien.





       Es schneit wie verrückt. Seit Wochen. Vor zwei Wochen hat es an einem Tag rekordenweise genau so viel geschneit, wie sonst in drei Monaten. Und es schneit immer noch. Und es wird schneien, sicher wird es noch weiter schneien. Der Schnee liegt bei uns bis etwa Anfang oder Mitte April. Und wenn der Schnee da ist, so ist es der Winter. Wenn es auch erst Ende Oktober ist, oder auch Anfgang April. Man unterscheidet also den herbstlichen Winter, den winterlichen Winter und den Frühjahrswinter. Den winterlichen Winter zeichnet die Kälte bis -35-45 aus. Aber das dauert nicht lange. Die durchschnittlichen Temperaturen sind dann etwa -16-20. Aber da kommt die gute Nachricht, und zwar ist die Kälte trocken und ich persönlich finde unsere -20 viel angenehmer als -10 in Deutschland. Und die Sonne scheint oft, was viele Ausländer täuscht, die dann auf der Straße dadurch auffallen, dass sie keine Schapka aus gutem Pelz auf dem Kopf tragen, nicht mal eine Mütze aus Wolle. 
       Was tun wir gegen Kälte? Eigentlich wenig. Man zieht sich warm an und das finde ich auch schön. Ganze fünf Monate muss ich mir morgens den Kopf darüber nicht zerbrechen, was soll ich mir nun anziehen, denn die Antwort ist eindeutig, und zwar lautet sie "etwas warmes". Wenn es gaaanz kalt ist, so muss man sich an das Zwiebel- Prinzip erinnern, einige Schichten Kleidung halten die Wärme gut. Sollte es noch kälter werden, so hilft da ein guter Pelz, was bei -40 kein Luxux ist, sondern eine Notwendigkeit. Und was die Grünen dazu sagen würden, interessiert mich wenig. Auf Schuhe mit dicken rutschfesten Sohlen ist es  nicht zu verzichten. Manche, wenn nicht viele russische Frauen schaffen es aber,  auch im Winter tolle feminine Stiefel mit wahnsinnig hohen Absätzen zu tragen. Wie sie das hinkriegen, verstehe ich nicht. Aber so ist das.
         Tee trinken hilft auch gut. Oder lieber nicht Tee, sondern viel Tee. Tee mit Honig erwärmt noch besser. Der Honig sollte dabei lieber aus der Altaj-Region stammen, das sind fast Synonyme bei uns, Honig und Altaj. Und der Tee sollte lieber in der Teekanne aufgebrüht werden, Teebeutel wären eben falsch. Die sind zwar praktisch, aber der richtige Duft fehlt da. Tee ist sehr wichtig in unserer Kultur. Wir sind nicht Leute aus einer Kaffekultur, obwohl es in den letzen 10 Jahren Mode geworden ist, sich im Cafe zu einer Tasse Kaffee zu treffen. Wir sind Teetrinker und das tun wir nicht nur um five o'clock. Es wurde halt unter uns zu einer Art Begrüßung, wenn man seinen Besuch gleich an der Schwelle  fragt "wirst du Tee trinken?" Die richtige Antwort ist "ja". Und Tee heißt nur so "Tee", eigentlich gehören dazu belegte Brote, Suppe, Braten, Pirozhki u.s.w. Der Tee kommt am Ende. Und eine sehr wichtige Zutat für den richtigen sibirischen Tee ist ein warmes Gespräch, von Herz zu Herz. Das erwärmt sehr, ist  sogar lebenswichtig, wenn es draußen kalt ist. Gespräche beim Teetrinken halten uns zu einander fest, es ist eine Art von Sozialnetzwerken, die wir aufgebaut haben, als es noch kein Internet gegeben hat, nicht mal als Idee übers Internet.
       Was tun wir im Winter außer Tee trinken? Wir leben weiter. Man ist bloß auf das Leben drinnen oder auch auf das innerliche Leben angewiesen. Manche greifen zu  Bergskier und fahren nach Scheregesch, oder man greift  zu normalen Laufskier, oder auch zu Schlittschuhen. Ich greife zu Büchern. Es ist unheimlich gemütlich, diesen Unterschied zu beobachten, zu erleben, den Unterschied zwischen Kälte draußen und  Wärme drinnen, dem Schneegestöber draußen und der Ruhe drinnen. Und schön ist der Zusammenklang zwischen der Ruhe drinnen und der innerlichen Ruhe. Dunkel wird es im Dezember schon um etwa halb fünf. Und dann leuchtet mein Fenster gelb. Und viele andere auch. Und es ist ein Zeichen dafür, dass das Leben nicht stillgeblieben ist. Der Winter ist meine Lieblingsjahreszeit, die halte ich für eine sehr russische Jahreszeit, die uns zwingt, geduldig zu sein und gläubig zu werden, wenn auch nicht unbedingt kirchlich. Nur auf den ersten Blick ist alles tot. Nur wenn man sich das richtig überlegt, versteht man, dass unter ein-zwei Meter Schnee das Leben keimt, das noch nicht zu sehen ist. Man muss abwarten. Der Winter ist bloß eine Schnapppause, die sich die Erde nimmt, um sich zu erholen, Kräfte für den nächsten Sprung zu sammeln. Es ist nicht der Tod der Natur. Es ist ein Versprechen vom Leben, von der Auferstehung. Glauben wir denn deswegen so gerne?

27.10.12

es weihnachtet.....














Seit 2006 findet in Nowo der deutsche Weihnachtsmarkt statt. Zuerst haben das nur unter sich Deutsche organisiert, die in der Stadt leben und die ihr gewohntes Leben hier einrichten wollten. Dann aber wuchs das ganze, und im vorigen Jahr hat es schon etwa 1 000 Besucher gegeben. 2012 hat sich das Weihnachtsteam  an die Arbeit schon Anfang Oktober gemacht. Wir suchen Leute, die bereit sind, den Geist von deutschen Weihnachten für einen Tag in Nowo zu bringen. Diesmal soll es also der 02.Dezember sein. Es heißt für uns viel Arbeit. Aber auch ist der Spaß daran. Und Kinder vom Waisenhaus, das  unter Fittichen von Caritas steht, werden sich über Geschenke freuen, denn der ganze Erlös vom Markt geht für die. Und das ist gut so.

24.10.12

Das größte Opernhaus Russlands online

Das bekannteste Theater Russlands liegt in Moskau und heißt "das Bolshoj Theater", wörtich übersetzt "das Große Theater". Aber die Zeit, als dieses Theater am Theatralnaja Platz in Moskau, gebaut 1825, als größtes in Russland galt, war noch 1941 vorbei, als ein Theatergebäude in Nowosibirsk fertiggebaut worden  war. Eröffnet weden sollte es am 01.August 1941, aber wegen des Zweiten Weltkrieges (der bei uns der Große Vaterländische Krieg heißt) wurde es erst  am 12.05.1945 eröffnet. Ganze 4 Jahre wurde das Opernhaus in Nowosibirsk zur teuersten Schatzkammer Russlands, die  die Schätze  von der Hermitage,  Tretjakowsky Gemäldegalerie,  Peterhof, einschließend Elemente vom Bernsteinzimmer, beherbergt hat.
Bis 2005 war unser Opernhaus mit seinen 2500 Sitzplätzen das größte  Opernhaus Russlands und seit 2005, als alle Renovierungsarbeiten durchgeführt worden waren (mit Hilfe deutscher Ingenieure), ist es auch das modernste Opernhaus Russlands, d.h. ausgestattet nach höchsten Standarts.
Ab dem 20.Oktober 2012 kann man sich alle Aufführungen online anschauen. http://paraclassics.com/novosibirsk-adolphe-adam-corsaire-igor-zelensky/ . Diese Möglichkeit schafft natürlich nicht einen "offline"-Theaterbesuch ab, denn sonst hat man keine weitere Gelegenheit, sich das Abendkleid anzuziehen und in der Pause einen Sekt zu trunken:)))

Details: on-line haben sich die Aufführungen des Nowosibirsker Opernhauses über 30 000 Leute aus 880 Städten in ganzer Welt angeschaut, in 75 Ländern. Bewohner aus 120 Städten Russlands haben diese Möglichkeit besucht. 60% aller on-line-Zuschauer stammen aus Russland, 20% stammen aus Europa und 20% stammen aus den USA und Asien.

26.09.12

flash mob auf Nowosibirsker Weise

Am 16.09.2012 war in Nowosibirsk , direkt im Stadtzentrum, am Leniniplatz vor dem Opernhaus ein Flash Mob durchgeführt, organisiert von Staatlichen Akademischen Russischen Folkorenchor Sibiriens. Mehrere Jugendliche, auch die Polizei haben mitgemacht. Zu sehen ist das ganze hier, bei youtube http://www.youtube.com/watch?v=BMRRZyZeM34