Die letze Volkszählung aus 2010 hat diesen Status der Deutschen wiederum bestätigt. Noch 1989 haben im Gebiet Nowosibirsk über 60 000 Einwohner deutscher Herkunft gelebt. Die waren entweder noch Anfang des 20.Jahrhunderts von der Volga-Region nach Sibirien freiwillig gekommen. Oder auch verbannt. Am 28.August 1941. Heutzutage leben im Gebiet Nowosibirsk 31 000 Deutsche, ein Drittel dabei in der Stadt, die übrigen zwei Drittel im ländlichen Gebiet. So, wie es eigentlich Katharina die Zweite, die Große Katharina, die selber Deutsche war, in ihrem Erlaß vom 22.Juli 1763 gewollt hat. 250 Jahre sind um. Gut, dass es so war. Gut, dass es so ist.
In meinem Blog möchte ich über Sibirien erzählen. Aber nur über „neues Sibirien“, denn meine Heimatstadt heißt Nowosibirsk, wörtlich übersetzt „neues Sibirien“. Es ist 1893 wegen der Brücke über den Ob entstanden, während des Baus der Transsib. Und diese neue Stadt hat genauso so viel am Leben Sibiriens verändert, wie sehr die Transsib das Leben Russlands verändert hat. Auf Fragen von Sibirien-Fans würde ich mich freuen. Wenn Sie meine Texte weiterverlinken, so bitte geben Sie die Quelle an.
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22.07.13
11.07.13
Leiterin des Büros des Goethe-Instituts in Nowosibirsk: Nowosibirsk ist ein Paradies, wenn man eine Mischung aus Dorf und Stadt bekommen möchte
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| deutsche Nacht im Museum http://vk.com/photo-7237786_304192343 |
Julia Hanske ist die erste Leiterin des Büro des Goethe-Instituts in
Nowosibirsk. Das Büro, das dritte in Russland nach Moskau und Sankt-Petersburg,
wurde im März 2009 eröffnet und hat somit viel in die Kulturszene von
Nowosibirsk und ganz Sibirien beigetragen. Ich habe fast bei allen Projekten
des Goethe-Instituts in Nowosibirsk gedolmetscht und nun trete in einer für
Julia neuen Rolle, einer Interviewerin, auf.
-Julia, mit wie vielen Jahren hast du mit Russisch
angefangen?
-Muss ich mir selber überlegen….mit 8. Ich bin mit 8 auf
die Russischschule gekommen. Bis ich 14 war, habe ich Russisch gelernt. Nach
der Wende habe ich mit Französisch angefangen.
- Aus Protest?
-Nein, ich wollte einfach. Ich habe immer gern Russisch
gelernt, aber ich wollte auch was anderes lernen. Alle wollten nach Frankreich
- Und Französisch, weil es sooo schön klingt „ich fahre
nach Paris“?
- Na ja. Ich habe also Französisch gelernt und Russisch habe ich wiederum verwendet erst
2001, als ich als Reiseleiterin eine Reisegruppe aus Moskau nach Peking
begleiten sollte. Da war ich noch Studentin. Da kam ich erst mal für drei Tage
nach Moskau, um die Stadt kennenzulernen, bevor die Gruppe ankommt. Das war der erste Kontakt zur Sprache nach so
vielen Jahren. Und dann kam wieder eine Pause, bis ich 2005 nach Moskau zum
Goethe-Institut kam. Und da habe ich angefangen, Russisch schon regelmäßig zu
lernen.
- Seitdem bist du der Sprache also ziemlich mächtig. Ich
habe dich für mein Interview auch ausgewählt, weil du nicht nur sehr gut
Russisch kannst, sondern auch, weil du dich in unserer Kultur auskennst. Ich
bin selber eine Art Grenzgängerin, also eine, die an der Grenze zwischen zwei
Sprachen und Kulturen ist und sich in beide Richtungen bewegen kann. Es geht
dabei wirklich nicht nur darum, dass ich Deutsch sprechen und unterrichten
kann, auch bei Bedarf dolmetschen, sondern auch die Kultur vermitteln. Was du
eigentlich in Nowosibirsk bisher gemacht hast, liegt eben in diesem Bereich.
Für das deutsche „Grenzgänger“ würde ich das russische «пограничник» nehmen, aber
nicht in dem Sinne „die Grenze schützen“, sondern „über die Grenzen
vermitteln“.
- Stimmt schon. Aber dazu gehört auch eine gewisse
Grundsympathie zum Land, Kultur. Da braucht man eine gewisse Toleranz.
Natürlich merkt man auch, dass man mit der Zeit an seine Grenzen gerät. Je
länger man in einem fremden Ort ist, desto ungeduldiger wird man. Besonders bei
Dingen, die man weder verstehen, noch ändern kann. Trotzdem verbindet mich sehr
viel mit diesem Land.
- Wann hast du das erste Mal über Nowosibirsk gehört? Als
Wort bloß.
- Das erste Mal eben 2005 bei meiner Arbeit beim
Goethe-Institut Moskau. Mein erster Job war das Fernstudiumprojekt mit der Uni
Kassel, wobei es darum ging, über dieses Projekt Deutschlehrer in ganz Russland
weiterzubilden. Als Leiterin des Projekts bin ich viel gereist, in ganz
Russland, von 2005 bis 2007 war ich überall: in Blagowetschensk, Abakan, Omsk,
Tomsk. Überall, außer Nowosibirsk. Die Reise nach Nowosibirsk war für Mai 2007
geplant, aber dann wurde ich nach Peking versetzt, so dass sie nicht mehr
zustande kam. Ich rief dann die Kontaktperson hier vor Ort an und sagte, was man
in solchen Fällen eben sagt „es hat diesmal nicht geklappt, aber wir sehen uns
bestimmt wieder“, was eigentlich heißen sollte „ garantiert nie“, weil Peking
und Nowosibirsk doch auf Strecken liegen, die sich nicht kreuzen.
-Wann hast du denn erfahren, dass du doch nach
Nowosibirsk kommst?
- Wie gesagt bin ich 2007 nach Peking gegangen und 2008
rief man mich an und sagte, dass in Nowosibirsk das dritte Büro vom
Goethe-Institut eröffnet werden sollte. Man fragte mich, ob ich das machen
möchte. Ich habe gleich „ja“ gesagt. Dieser schnelle Beschluss hing aber nicht
mit der Stadt zusammen, sondern mit der Aufgabe. Ich habe schon immer geträumt,
ein Institut aufzubauen und damit auch Pionierarbeit zu leisten und weil ich
Russland schon kenne, ist mir die Entscheidung leicht gefallen.
- In dem du „ja“ zu Nowosibirsk gesagt hast, hattest du
irgendeine Vorstellung, was für eine Stadt das ist?
- Ja, ich hatte Kontakte zu den Leuten und ich habe die
Stadt auf Bildern gesehen. Sie wirkte sehr grün. Grün, modern, hell,
freundlich. Ich hatte den Eindruck, das ist eine sehr energische Großstadt. Im
Vergleich zu anderen sibirischen Städten, die doch kleiner sind. Irgendwo anders wäre ich wahrscheinlich nicht hingegangen.
- Auch nicht wegen der Eröffnung eines neuen Büros?
-Grundsätzlich werden Institute eher in den Metropolen
eröffnet. Wenn man mich heute fragen würde, wo sollte in Sibirien ein GI eröffnet
werden, dann würde ich antworten „nur in Nowosibirsk“. Ich hatte, wie gesagt,
positive Bilder im Kopf. Ich hatte auch in Moskau eine gute Freundin, die aus Nowosibirsk stammt und hatte also eine
wage Vorstellung, was mich hier erwarten könnte.
- Im März 2009 wurde das Büro eröffnet.
- Ja, das ist schon gut 4 Jahre her. Das war ein sehr
wichtiger Abschnitt in meinem
persönlichen Leben und natürlich auch für das Goethe-Institut. Ich bin im
Februar angekommen, wir hatten nur eine kurze Vorbereitungszeit, um das
Eröffnungsfestival Sibstancija auf die Beine zu stellen. Das heißt, meine Moskauer
KollegInnen haben schon vieles vorbereitet, so dass ein gutes Fundament bereits
vorhanden war.
-Du kamst also im Februar an. Nichts vom Grünen zu sehen.
-Nichts, aber ich weiß noch, wie schön es war. Viel
Schnee, dadurch war alles sehr hell. Es wirkte alles sehr sauber. Das hat mich
irgendwie positiv gestimmt. Dann kamen März und April, die schwierigsten
Zeiten.
-Tja, die muss man aushalten.
- Eben. Nur aushalten. Ich finde es gut, dass ich im
Februar gekommen war. Es war zwar kalt, aber ich habe keine Angst vor Kälte.
Ich bin eher allergisch gegen Grau, Schmutz und so…Aber April und März sind
halt schwierige Phasen in ganz Russland, nicht nur in Nowosibirsk. Auch aus Moskau
kenne ich das Phänomen, wenn der Schnee weg ist, und plötzlich alles, aber wirklich
alles auf den Straßen liegt. Aber dann kommt relativ plötzlich der Frühling,
der Sonnenaufgang. Da reicht die Energie. Da hatten wir viel zu tun wegen der
Eröffnung. Im März lag sie hinter uns, sie war sehr erfolgreich, wir hatten
viele Kontakte. Es sollte nun viel los
gehen. Da sitzen wir auf der Terrasse nach so vielen Wochen Schnee in der
Lenina-Straße, und die Sonne scheint, und ich denke mir „es ist doch ok, ganz
gut hier“. Und diese Energie hier kommt wirklich durch den Umschwung. Es gibt
Tage, wo ich wirklich Probleme mit dem Klima habe, aber es gibt auch Tage, die
man richtig genießen kann. Das können Sibirier irgendwie.
- Das kommt mit der Muttermilch.
-Ja, eben. Dieses Durchhaltevermögen bei den Sibiriern
bewundere ich. Weil ich mir selber nicht vorstellen könnte, hier für immer zu
leben. Ich glaube, das ist sehr schwierig. Die Leute lassen sich hier durch
nichts beeindrucken, klimatisch meine ich. Man meckert nicht. Man macht die
Banja an. Unser familiäres Motto hier war, so zu leben, wie die Sibirier leben.
Einfach mitzumachen. Jede Jahreszeit hat ihre Besonderheit.
-Das hat dir Nowosibirsk beigebracht.
-Ja, ich sage nicht, dass wir wie die Ureinwohner hier gelebt
haben, aber wie normale Nowosibirsker. Das heißt, wir leben mit der Saison. Das
heißt zum Beispiel, dass man schon im März Samen in den Boden in den Kisten
reintut. Wir haben das auch zwei Jahre gemacht. Bloß als die zweite Tochter zur
Welt kam, konnten wir das nicht mehr machen, das wurde uns zu kompliziert. Aber
die ersten zwei Jahre in Nowosibirsk
haben wir alle Zyklen mitgemacht. Säen, anbauen, Unkraut jäten, gießen, ernten.
- Gemüse eingemacht?
-Alles! Es stehen immer noch ein paar Gläser mit Sachen,
die wir damals eingemacht haben, in unserem Vorratsschrank. Warenje (Konfitüre)
haben wir auch gemacht. Um in Sibirien erfüllt zu leben, musst du die Sachen
mitmachen. Im Herbst Pilze sammeln. Das war ein ganzes Ritual. Mein Mann geht
sehr gerne Pilze sammeln, ich auch. Im Sommer geht man baden.
- Dein Prinzip ist also mitzumachen?
-Wenn es geht. In China zum Beispiel funktioniert es
nicht. Sich in China in die Bevölkerung zu integrieren ist schwerer als in
Russland. Und das ist der Vorteil für Russland. Weil die Russen uns als
ihresgleichen schneller akzeptieren. Ich
hatte wirklich nie das Gefühl, dass meine Kollegen, meine Freunde mich als
Ausländerin sehen. Obwohl es auch mal schön ist, Ausländer zu sein. Ich spreche
zwar Russisch nicht perfekt, aber ich bin ein Mensch. Der einzige Unterschied
ist wirklich nur die Sprache, kulturell haben Deutsche und Russen nicht so
wahnsinnig große Unterschiede wie Deutsche und Chinesen. Ich habe da auch meine
Erfahrung. Ich kann zwar Chinesisch sprechen, Kontakte aufbauen, aber sich
wirklich zu integrieren ist fast unmöglich. Peking ist so eine Großstadt, in
der nur das Großstadtleben stattfindet. Und Nowosibirsk hat einen ruralen Anteil.
In dem Sinne, dass alle im Sommer raus fahren, auf ihrer Datschas, egal wie
klein die ist. Im Winter ist man sehr viel drinnen, im Sommer draußen. Und
damit verbindet sich eine Menge, kulturell und sozial. Man lädt Freunde zu sich
ein, man macht Schaschlik, wenn man eine Banja hat, um so besser. Wir waren
also auf vielen Datschas, in vielen Banjas.
-Möchtest du irgendwann auch eine Banja haben?
-Unbedingt! Das ist mein Traum. Wenn wir mal länger in
Deutschland sind, bauen wir unbedingt eine Banja.
-Keine Sauna?
-Nee. Es soll ein Holzofen sein, dieser Geruch von Holz
gehört dazu. Wir lassen uns Zeit, aber wenn es soweit ist, bauen wir unbedingt
eine. Was wir von Sibirien mitnehmen, sind eben die Gedanken über die Banja.
-Wichtig ist dabei aber, auf keinen Bären zu stoßen. Mein
Vater lebt in einem Dorf 250 km von Nowosibirsk entfernt, und da hat er schon
mal beim Pilzesammeln einen Bären gesehen.
-Wir fahren nicht so weit weg. Da sind wir schon
vorsichtige Menschen. Wir machen alles mit, aber wir übertreiben nicht. Weiter
als 100 km von der Stadt fahren wir nicht weg. Für die Pilze reicht es. Auch Ski
fahren. Wenn man hier ist, und sein Leben angenehm gestalten möchte, muss man
gerne die Dinge tun, die hier zu erleben sind. Wenn man kein Skifahrer ist,
nicht gerne Pilze sammelt, auch nicht gern im Garten arbeitet oder Schaschliki
grillt, wenn man keine Banja mag, ist Nowosibirsk nicht der richtige Ort.
-Nowosibirsk ist also nichts für richtige Städtler?
- Für richtig urbane Menschen ist Nowosibirsk meiner
privaten Meinung nach nicht der richtige Ort, weil die Stadt zu klein ist, um
sich nur darauf zu beschränken und zu weit weg ist, um schnell irgendwo anders
zu sein. Du kannst natürlich schnell nach Tomsk, aber dort ist noch weniger
städtisches. Das heißt, die nächste Großstadt ist entweder Moskau oder Astana.
-Oder Berlin?
- Oder Berlin. Oder Peking. Da kann man sich überlegen,
ob ich 4 Stunden nach Moskau oder 4 Stunden nach Peking fliege. Ich stelle fest,
dass man in Nowosibirsk Zeit braucht, um die Stadt richtig zu entdecken. Zum
Beispiel in Peking hatte ich das Gefühl, dass Informationen, was es da alles
gibt, irgendwie schneller zu mir kommen. In Nowosibirsk gibt es viel mehr als
man denkt. Die Infos bekommt man übers Internet, Reklame, Freunde. Aber dafür
braucht man Zeit. Es gibt viel tolle Dinge, wie zum Beispiel dieses Zedernfass
„Praskowja“ (Fasssauna), das du mir empfohlen hast.
- Hat es gut getan?
- O ja! Ich ärgere mich nur, dass ich das erst so spät,
kurz vor unserer Abreise entdeckt habe. Das Zedernfass, die Massage, der
Kräutertee: davon war ich fasziniert. Die Stimmung da fand ich total gut. Da
reden alle so freundlich und fragen, wie es mir da in dieser Zederntonne geht,
ob ich es noch aushalten kann. Wenn ich hier länger leben würde, hätte ich ein
volleres Bild, aber dafür braucht man Zeit. Wir haben wirklich jedes Jahr was Neues
entdeckt. Mit dem Skifahren habe ich
erst hier intensiv angefangen.
| Sajeltzowsky Park |
-Im Sajeltzowsky Park bestimmt?
-Ja, klar. Der liegt sehr günstig. Da wundert man sich,
wie viele Leute unterschiedlichen Alters dort unterwegs sind und alle so fit.
Wir waren die langsamsten. Und bald fahren wir in die „sibirische Schweiz“, in
Masljaninsky Rayon, wo wir uns alles angucken werden, ein Skigebiet, Schulen,
Schwimmbäder. Es ist wirklich so, dass jedes Jahr eine Bereicherung für uns
war.
-Könntest du dir vorstellen, dass du all das ohne dein
Russisch entdecken konntest?
- Ich weiß nicht. Ich habe auch deutsche Kollegen, die
hier leben und kein Russisch kennen, aber trotzdem kommunizieren sie und
entdecken die Stadt. Da geht schon. Aber ich habe wirklich das Glück, dass ich
Russisch kann. Das beruhigt irgendwie. Und über die Sprache schlüpfst du in die
Atmosphäre rein, ins Leben normaler Leute.
-Was war denn dein erster negativer Eindruck von
Nowosibirsk? Was ärgert dich an Nowosibirsk?
- Der Ort, der mich am meisten ärgert, ist der Zirkus.
Wir gehen dorthin relativ oft, weil die Kinder gerne im Zirkus sind. Aber ich ärgere
mich jedes Mal schwarz. Echt teuer, schlechte Unterhaltung, nicht mehr
akzeptabel. Die ganze Ästhetik fehlt da, wenn du im Stuhl sitzt, der fast auseinanderfällt
und guckst, wie Tiere gepeitscht werden. Aus meiner Kindheit kenne ich den
Zirkus als Zauberort, ich habe den immer geliebt. Als ich in Amsterdam studiert
habe, habe ich da mal ein Zirkusfestival besucht, wo in einem Park halt alte
Zelten aufgestellt waren. Nicht das eine große, sondern mehrere kleine. Es war
nicht unbedingt, das es in jedem dabei ein großes Wow gegeben hat. Akrobaten,
Tiere. Interessanter war, dass da nach alten Rezepten gekocht und gebacken
wurde. Es war so schön, alte Gerichte und Getränke zu probieren.
- Ein Fest der Seele also?
--Stimmt. Es war schön, in alte Zeiten unterzutauchen, zu
feiern, wie früher gefeiert wurde. Das war eine Art Zauber. Und dieser Zauber
fehlt mir im Zirkus in Nowosibirsk.
-Und im Alltag?
- Im Alltag? Schwer zu sagen, ob mich da was ärgert.
Vielleicht der Straßenverkehr. Und die Rücksichtslosigkeit. Es ist eine
rücksichtslose Gesellschaft. Im kleinen, familiären Bereich gar nicht, aber im
öffentlichen Leben schon. Wie sich die Leute auf der Straße anschimpfen können,
mit ganz primitiven Wörtern. Leute, die sich gar nicht kennen. Da denkt man
sich, wie unmenschlich es manchmal wirkt. Da denke ich manchmal, wie so denn in
so und so einer Situation einer nicht netter sein könnte. Nicht übertreiben, aber
halt zivilisierter.
- Interessant zu beobachten, dass der, der schimpft, ein
Geschäftsmann im teuren Anzug sein kann und ein Obdachloser.
- Ja, man ist auf sich selber konzentriert und achtet
weniger auf die Umwelt, der Rest ist egal.
- Hängt das mit der Identität zusammen?
- Ja, ich sehe es so. Wenn ich mir überlege, dass die
Stadt erst 120 Jahre alt ist, dann ist es klar, woher soll denn die
Verwurzelung und die Identität herkommen? Die kann noch nicht da sein. Das
kommt nicht in ein paar Jahren.
- Das mit der Identität, da hast du recht. Ich blogge
über Nowosibirsk auf Deutsch. Das mache ich in der Regel schon in der Nacht,
wenn mein Sohn schläft. Warum opfere ich den Schlaf? Nur weil ich den Deutschen
über meine Heimatstadt erzählen möchte? Ich habe erst vor kurzen verstanden,
dass indem ich über Nowosibirsk erzähle, entwickle ich für mich selber diese
Identität. Es ist wichtig für mich selber zu verstehen, was ist denn dieser
Ort, in dem ich lebe. Deshalb finde ich das toll, dass du das Thema „Identität“
hier angesprochen hast. Meine nächste Frage wäre dann, welchem Menschentyp würdest du
empfehlen, nach Nowosibirsk zu kommen?
- Bestimmt nicht richtigen Städtern. Es müssen Leute
sein, die eine gewisse Verbundenheit zur Natur haben. Abenteuerlustige. Es
müssen Leute sein, die gerne durch die Gegend mit dem Kompass in der Hand
laufen. Für die ist hier ein richtiges Paradies. Es gibt hier unzählige Wälder.
Für solche Menschen ist Sibirien wirklich ein Paradies, wo du in der wilden
Natur sein kannst, wo du wirklich keinen einzigen Menschen siehst, nicht diese
Wanderwege mit diesen komischen Zeichen. Ich bin ein Wanderwegfan, wo du
wandern kannst, aber auch in eine Raststätte einkehren, etwas essen. Das ist
was typisch deutsches, hier gibt es keine Infrastruktur dazu. Das entwickelt
sich langsam in Russland, aber ist noch unterentwickelt. Wenn du das aber nicht
brauchst, nur das Feld und das Lagerfeuer, dann ist Sibirien für dich.
Besonders wenn du nicht nur das Dorfleben leben willst, sondern auch schnell
ins Großstadtleben zurück, so ist Nowosibirsk dann perfekt.
-Und was dann kulturelle Ereignisse angeht?
-Klassische Theater und sehr gutes Ballett. Bei den
Theatern meine ich jetzt das „Krasny Fakel“, das Afanassjew-Theater oder Globus.
Aber für die muss man Russisch können. Ohne Sprache geht es fast nicht.
- Dann bleibt nur das Opernhaus für Gäste aus
Deutschland.
- Ja, ich würde das Ballett empfehlen. Die Oper
beeindruckt mich nicht so sehr, aber ich bin an sich kein Opernfan.
- Russen sind nicht in der Oper stark, sondern im
Ballett.
- Ne, das liegt eher an der Akustik hier, da habe ich
Probleme damit. Das stört nicht beim Ballett, wenn besonders die Technik so gut
ist. Und die Technik ist schon auf einem sehr hohen Niveau.
- Kann sein, dass deine ältere Tochter dann in 10-15
Jahren auf der Bühne in unserem Opernhaus auftreten wird.
- Mit ihren 4 Jahren geht meine Tochter sehr gerne in die
Ballettschule, und die ist sehr gut. Da ist eine gesunde Mischung aus streng
und frei. Das finde ich toll. Und das ist auch das, was wir vermissen werden.
Neben Kindergärten bietet Nowosibirsk schon viel im Bereich Ausbildung für
Kinder. So viel ich weiß, macht dein Sohn auch was mit der Animation. Also in
Fragen Musik, Tanz, Singen gibt es genügend Möglichkeiten für Kinder. Mein
persönlicher Lieblingsort ist das Kino Pobeda.
- Was sagst du zur Malerei in der Stadt?
- Schwierig. Im Vergleich zu anderen asiatischen Städten
ist die Kunstszene in Nowosibirsk begrenzt.
Es gibt ein paar etablierte Künstler, aber keine pulsierende Kunstszene.
Ich würde das mit der Ausbildung zusammenbringen. Man muss halt solche Leute
ausbilden. Es gibt in Nowosibirsk eine gute Architekturakademie, die solche
neue Talente ausbilden könnte.
-Meine vorletzte Frage also, was wäre denn ein durchschnittlicher
Nowosibirsker für dich? Kann man da überhaupt verallgemeinern?
- Sehr schwierig. Nowosibirsker sind so sehr
unterschiedlich. Auch rein ethnisch. Es sind sehr viele Zugewanderte oder
Nachfahren von Wissenschaftlerfamilien oder von Verbannten.
- Stimmt. Ich habe
polnische, ukrainische, weißrussische Wurzeln.
- Ja, die meisten, die ich kenne, haben gemischte
Wurzeln, von Jakuten und Tatarenblut bis Kasachen und Ukrainer, Usbeken mit Tadschiken
gemischt. In dem Sinne gibt es keinen durchschnittlichen Nowosibirsker.
- Gibt es aber
vielleicht was Gemeinsames?
-
Durchhaltevermögen und Optimismus. Unternehmungslust. Ich habe nicht das
Gefühl, dass die Leute hier träge sind. Da sind die energisch, machen viel.
- Klar, man muss sich doch erwärmen.
- Ja, vielleicht. Ein bisschen dickköpfig können sie auch
sein, nach dem Prinzip „so haben wir es schon immer gemacht, so wird es weiter
gehen“. Das sehe ich als eine bestimmte Begrenzung der Offenheit.
- Da ist viel Hoffnung auf die, die jetzt etwa 25 sind.
Die haben sich keine Grenzen gesetzt, sind offen, hören gut zu.
- Genau. Ich merke das an der Bar „Friends“, die hören
wirklich auf die Besucher und können auch Englisch, weil sie bewusst Ausländer
anziehen, die werden bestimmt keine Probleme mit der Klientel haben. Ich bin
gespannt wie sich Nowosibirsk in den nächsten 10 Jahren entwickeln wird. Ich
schätze, dass die Veränderungen viel schneller und intensiver sein werden als
in vielen anderen Teilen der Welt. Das ist eben auch typisch Sibirien.
- Also, vielen Dank Julia für das Gespräch. Komm mal in
10 Jahren vorbei!
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| Eröffung der Ausstellung für energiesparende Technologien |
08.03.13
12 Chellisten der Berliner Philarmoniker
2 Tage vor dem Konzert waren in der Kasse unseres Opernhauses nur noch 3 Tickets übrig. Die weiteren 2 447 Plätzen waren ziemlich schnell ausverkauft. Das Büro von Goethe-Institut in Nowosibirsk und das deutsche Generalkonsulat haben eine sehr gute Werbung gemacht, Poster und Plakate waren überall in der Stadt zu sehen. Aber auch haben die Kenner schon im voraus nachgefragt, wie sieht es eigentlich mit dem Programm Deutschlandsjahr in Russland weiter aus.
Am 3.März war es so weit. Nowosibirsk hat sich so sehr auf das Konzert gefreut, dass sogar das Wetter mitgemacht hat. Es waren etwa +3 und es hat geregnet.
Die Atmosphäre ist sehr gut auf Fotos von Viktor Dmitriejew zu sehen. Die Auswahl habe ich gemacht.
Fotos vor dem Konzert:
Nach dem Konzert wollten Nowosibirkser die Chellisten nicht los lassen. Eine Applauswelle kam nach der anderen. Die Musiker waren überrascht:
Und hier ist Nowosibirsk von morgen:
Es war ein sehr schöner Abend:
17.11.12
Echter russischer Schatz oder wie ist die russische Seele zu verstehen
Die wichtigste Entscheidung in meinem Leben habe ich im Frühling 1993 getroffen, 3 Monate vor Abitur, als ich verstanden habe, dass ich nicht Mathe studieren möchte, wie ich in den letzen 5 Klassen geglaubt hatte, sondern Deutsch. Ohne Deutsch wäre ich das nicht geworden, was ich jetzt bin. Deutsch hat mich, mein Leben in sehr vielen Hinsichten umprogrammiert. Und eine der wichtigsten Folgen dieser Umprorgammierung war es, dass ich verstanden habe, was eigentlich Russisch ist. Was heisst es, Russe zu sein, habe ich nur durch Deutsch verstanden. Wie komisch es auch klingen kann, stimmt das trotzdem. Da frage ich mich nur, ob sich alle Deutsche wirklich bewusst sind, was es heißt, Deutsche zu sein und über was für einen Schatz Deutsche verfügen? Ich meine jetzt nicht die gelebte Demokratie, sondern die deutsche Sprache. Ich habe das Gefühl, dass das richtige Bewußtsein seiner Zugehörigkeit zu einem Volk nur durch eine Fremsprache kommen kann, die eine total andere Struktur hat, einen total anderen Klang. Man flieht erst mal in die Fremdsprache, wie einer ins Ausland mit der Hoffnung auf das andere - beste - Leben, um später zu seinen Wurzeln zu kommen, aber schon mit viel Einsehen, Liebe und Stolz.
Deutsch wurde für mich langsam zum Spiegel, in dem ich mein eigenes Land, meine Sprache, meine Kultur gesehen und neu entdeckt habe.
Ich unterrichte seit 16 Jahren Deutsch, erstmal an einer Uni, jetzt privat. Inzwischen habe ich mein eigenes methodisches System herausgearbeitet und mehrmals an über hundert Kursteilnehmern ausprobiert. Es basiert auf der Aussprache. Ich fange meinen Kurs nicht mit "ich heiße ...", "wie heißen Sie" oder "wie geht es?" an, sondern damit, dass ich einem beibringe, wie man Laute einer anderen Sprache artikuliert, wie anders als in der Muttersprache die Intonation steigt und fällt. Ich sehe, wie schnell bei meinen Kursteilnehmern die richtige Uhr zu ticken beginnt. Durch die Aussprache fließt man in die Welt einer anderen Sprache rein, man taucht in dieses Meer eines anderen Lebens, des Lebens mit einem anderen Blickwinkel unter.
Ich bin da mit der Zeit zu einer merkwürdigen Beobachtung gekommen. Berühmte (mindestens in Russland) deutsche Ordnung fängt nicht mit der sauberen Straße an, sondern mit dem deutschen Satz. Festgelegte Wortfolge lässt einen die erst dann verletzen, wenn der Fall den Sprecher dazu zwingt, wenn man etwas hervorheben möchte. Deutsche wagen es, die Regel zu verletzen, um Emotionelles voranzurucken. Man jongliert nicht so frei mit der Wortfolge wie im Russischen. Man baut Wort für Wort, jedes Teilchen steht da, wo es die Regel vorschreibt, wenn die auch nicht schriftlich festgelegt ist, wenn auch der deutsche Muttersprachler die nicht ganz genau kennt. Vielleicht liegt da die deutsche Qualität, die zur Verkörperung der qualitativsten Qualität geworden ist? Ein deutsches Auto fährt lange auch ohne Wartung, weil alle Teile an einander aufs engste anpassen, wie Wörter in einem deutschen Satz.
Deutsche im Vergleich zu Russen sind sehr aufmerksame Zuhörer. Ob sich alle Deutsche dessen bewußt sind, dass halt die Sprache sie dazu verpflichtet? Man muss ja immer auf das Satzende aufpassen, wo mal eine Verneinung vorkommen kann, mal ein zweites Verb oder sich ein Präfix vom Verbstamm verabschiedet hat.
Ich habe das Gefühl, dass Deutsche Weltmeister in Fragen technische Errungenschaften sind, sei es eine Druckmaschine oder ein Röntgenapparat. Dass so viele Technische Erfindungen aus Deutschland stammen, hat für mich eine auf den ersten Blick komische Erklärung. Da ist wiederum die Sprache im Spiel. Wenn man sich ans Thema deutsche Aussprache macht, so muss man als erstes erklären, dass Vokale im Deutschen kurz oder lang sind und dass es ein sinntragender Unterschied ist. Beim Hören soll "Staat" nicht mit "Stadt" verwechselt werden. Und "Kahn" mit "kann". Als ich an der Uni an der deutschen Aussprache geschliffen habe, musste ich halt in mich hinein bis 2-3 zählen, damit der lange Vokal richtig lang ausfällt. Ich habe also gezählt, die Dauer des Vokals gemessen, und Technik ist eben das, was zu messen ist. Gute Maschinen werden da gut, wenn alles korrekt gemessen ist und nicht ein einziges Mal, sondern systematisch. Wäre denn die Trennung in lange und kurze Vokale nicht eine Voraussetzung für Deutsche, in der technischen Revolution Vorreiter zu sein?
Noch Joseph Brodsky - russischer Poet, amerikanischer Bürger mit judischen Wurzlen, Nobelpreisträger - hat in einem Essey geschrieben, dass Gedichte aus einer Sprache in die andere nicht zu übersetzen sind, nicht nur wegen des Wortschatzes und der grammatischen Struktur, sondern eher wegen der Prosodie, des melodischen Verlaufs der Sprache. Die Melodie einer Sprache ist laut Brodsky die Art und Weise, den Raum zu gliedern, ihn zu bewohnen, sich ihn anzueignen. Deutsch hat sich seinen Raum angeeignet, in dem es ihn phonetisch bemessen hat, grammatisch strikt zugeordnet, lexikalisch ganz logisch und transparent benannt. "Dessert" zum Beispiel heisst mit einem deutschen Wort "Nachtisch", weil dies Essen zu sich wirklich danach genommen wird, wenn der Tisch aufgeräumt ist, also nach dem Tisch.
So ist Deutsch für mich halt zum Denkmal des vernünftigsten Umgangs mit Leben geworden. Bloß eine Anmerkung in der allerersten Stunde meines phonetischen Kurses fällt gleich, und zwar sage ich immer, dass die Artikulation deutscher Laute viel mehr angespannter ist als die der russischen. Artikulation von russischen Lauten ist total entspannt, die Intonation schwebt in der Luft und bleibt mal hängen, mal fällt sie runter an einer komischen Stelle. Sprechorgane eines Russen sind faul. Wenn ein Deutscher das russische Wort "moloko" (Milch) sieht, so fängt der auch ganz brav an, es Laut für Laut so vorzulesen, wie es geschrieben ist. So guckt dann ein Russe verwundert diesen Deutschen an, denn richtig ausgesprochen wird das Wort dann eben als "malako". Die unbetonten Vokale haben ihre Qualität verloren. Ist das nicht die Erklärung dafür, warum ein Lada nie im fernen Ausland so begehrt wie ein VW wird? Und wäre nicht das eine Erklärung dafür, warum wir uns so sehr mit der Demokratisierung schwer tun? Der unbetonte Vokal verliert an der Qualität, nur der betonte zählt.
Der Höhepunkt der totalen Entspannung im russischen Leben ist der Vokal "ы", der zum Beispiel in der ersten Silbe des Familiennamens Bykow ausgesprochen wird. Das ist der tykischste Laut für einen Ausländer. Vielleicht sollte da ein kleines bißchen Alkohol helfen, sich zu entspannen, damit der Vokal richtig entspannt ausfällt?
Aber dass unsere Sprechorgane so faul sind, hat da einen Vorteil, wenn wir uns an eine Fremdsprache machen. Ich habe mehrmals von deutschen Dozenten gehört, dass es Russen sind, die akzentrei sprechen können. Faule Sprechorgane können es mal lernen, sich angespannt zu bewegen und dadurch eine beliebige, aber wirklich eine beliebige Aussprache akzentfrei zu beherrschen. Kann denn ein Deutscher das verlernen, angespannt Laute auszusprechen? Sich nicht richitg entspannen zu können hat die europäishe Welt zur Psychanalyse gebracht. Oder war der Grund dazu ein anderer? Lustig ist für mich nur bei einem einzigen deutschen Laut, und zwar bei "h", einem Russen, der schon gelernt hat, gut genug seine Sprechorgane anzuspannen, nun zu erklären, dass er sich entspannen muss, sonst kommt endweder ein Ach-Laut oder ein Ich-Laut hervor, was falsch wäre.
Der Höhepunkt der totalen Entspannung im russischen Leben ist der Vokal "ы", der zum Beispiel in der ersten Silbe des Familiennamens Bykow ausgesprochen wird. Das ist der tykischste Laut für einen Ausländer. Vielleicht sollte da ein kleines bißchen Alkohol helfen, sich zu entspannen, damit der Vokal richtig entspannt ausfällt?
Aber dass unsere Sprechorgane so faul sind, hat da einen Vorteil, wenn wir uns an eine Fremdsprache machen. Ich habe mehrmals von deutschen Dozenten gehört, dass es Russen sind, die akzentrei sprechen können. Faule Sprechorgane können es mal lernen, sich angespannt zu bewegen und dadurch eine beliebige, aber wirklich eine beliebige Aussprache akzentfrei zu beherrschen. Kann denn ein Deutscher das verlernen, angespannt Laute auszusprechen? Sich nicht richitg entspannen zu können hat die europäishe Welt zur Psychanalyse gebracht. Oder war der Grund dazu ein anderer? Lustig ist für mich nur bei einem einzigen deutschen Laut, und zwar bei "h", einem Russen, der schon gelernt hat, gut genug seine Sprechorgane anzuspannen, nun zu erklären, dass er sich entspannen muss, sonst kommt endweder ein Ach-Laut oder ein Ich-Laut hervor, was falsch wäre.
Das mit "moloko", welches als "malako" ausgesprochen wird, kommt da bei einem Ausländer nicht die Frage, woher soll denn ein Russe wissen, wie das Wort eigentlich korrekt geschrieben werden muss? Und da kommen wir eben zum Titel dieses Artikels. Nur ein gebildeter Russe kann richtig dieses und viele andere Wörter schreiben. Richtig gebildet wird man bei uns nur durchs Lesen. Man kann als gebildet zählen, aber beim Schreiben kommt die Wahrheit ans Licht.
Bei manchen Wörtern muss man sich halt prägen, wie sich die schreiben, bei anderen muss man für einen unbetonten Vokal so ein stammvervandtes Wort finden, wo der Vokal in der starken, also in der betonten Position vorkommt, und da soll wiederum der Wortschatz ziemlich reich sein. Erklärt denn nicht eben das, warum russische Literatur weltberühmt ist, weil wenn einer schon ein Mal das stammverwandte Wort gefunden hat, dann noch Mal und noch Mal und da ist schon "Idiot " oder "Anna Karenina" fertig?
Der echte russische Schatz wäre der Wort-Schatz, also Russisch, und darunter eine der größten Perlen sind Suffixe, die einem Wort so viel von der subjektiven Weltwahrnehmung verleihen, dass für die Objektivität wenig oder kein Platz bleibt. Man nimmt halt einen Stamm von einem Wort und reiht dazu ein Suffix hinten dran und da ist schon klar, wie der Sprechende zur Welt steht, die er in einem Satz eben beschrieben hat. Als Gegenargument reiht man da zu demselben Stamm ein anderes Suffix ran und der Vis-a-Vis weiß nicht mehr, was zu antworten, wenn der nicht über einen reichen Wortschatz verfügt. (bei uns heisst so einer "er greift nach den Wörtern nicht aus der Tasche", d.h. er muss die nicht in einem Wörterbuch suchen, sondern kann die schnell auf Bedraf aus dem Kopf gleich herausfischen) Wie kann denn ein kleines Suffix so viele Gefühle beherbergen, die ein russischer Muttersprachler aber gleich abliest? Ein Suffix ist nicht einmal ein Redeteil.
Wir können übrigens unsere Vokale auch dehnen, und Konsonanten dazu, wenn wir besonders expressiv unsere Gefühle ausdrücken möchten. Diese Quantität ist zwar nicht sinnunterscheidend, verleiht aber den Gefühlen noch mehr Gewicht. Und sind es denn nicht Gefühle, die den Sinn des Lebens ausmachen?
Was den Sinn eines Wortes bei uns unterscheidet, ist die Weiche und die Härte. Ein Konsonant, gleich geschrieben, kann abhängig von umgebenden Vokalen weich oder hart ausgesprochen werden und dadurch kommt es zu einem anderen Sinn. Das ABC enthält dazu noch extra ein Weichheitszeichen (ь) und ein hartes Zeichen (ъ). Können denn die Härte und Weiche gemessen werden? Vieilleicht, aber nicht in diesem Fall. Man bekommt das nur zu spüren, zu fühlen. Und da kommen wir wiederum zu dem Grund, warum Russen so empathisch sind. Es ist die Sprache, die uns dazu verpflichtet. Russisch hat seinen Raum, diese unendlichen Weiten, mit einer schwebenden Intonation, harten und weichen Konsonanten gegliedert. Das Land ist riesengroß, es lohnt sich nicht, in die Sprache eine Einheit einzuführen, um es zu bemessen. Und viele Ausländer tun sich total schwer, russische Konsonanten genau richtig hart und weich auszusprechen, da bleibt die Härte immer herauszuhören. Die russische Sprache hat ja dafür gesorgt, dass wir nie verlernen, zu fühlen. Wir hätten nicht Öl exportiren müssen, sondern unsere Sprache und unsere Fähigkeit, zu fühlen. Ich vermute, das fehlt jetzt irgendwie in der ganzen Welt.
Was den Sinn eines Wortes bei uns unterscheidet, ist die Weiche und die Härte. Ein Konsonant, gleich geschrieben, kann abhängig von umgebenden Vokalen weich oder hart ausgesprochen werden und dadurch kommt es zu einem anderen Sinn. Das ABC enthält dazu noch extra ein Weichheitszeichen (ь) und ein hartes Zeichen (ъ). Können denn die Härte und Weiche gemessen werden? Vieilleicht, aber nicht in diesem Fall. Man bekommt das nur zu spüren, zu fühlen. Und da kommen wir wiederum zu dem Grund, warum Russen so empathisch sind. Es ist die Sprache, die uns dazu verpflichtet. Russisch hat seinen Raum, diese unendlichen Weiten, mit einer schwebenden Intonation, harten und weichen Konsonanten gegliedert. Das Land ist riesengroß, es lohnt sich nicht, in die Sprache eine Einheit einzuführen, um es zu bemessen. Und viele Ausländer tun sich total schwer, russische Konsonanten genau richtig hart und weich auszusprechen, da bleibt die Härte immer herauszuhören. Die russische Sprache hat ja dafür gesorgt, dass wir nie verlernen, zu fühlen. Wir hätten nicht Öl exportiren müssen, sondern unsere Sprache und unsere Fähigkeit, zu fühlen. Ich vermute, das fehlt jetzt irgendwie in der ganzen Welt.
Wie ist die geheimnissvolle russische Seele zu verstehen? Leider nur durch die Sprache, durch unsere Literatur, Filme, lieber im Original. Aber Russisch hat schon dafür gesorgt, dass nur derjenige es schafft, der das als Ziel festgesetzt hat. Man lernt Russisch nicht aus purem Interesse, sonst scheitert man da schnell. Man lernt Russisch eher deswegen, weil man ein Geheimnis lösen möchte. Und das sind wenige auf der Erde. Nicht viele Ausländer schaffen es, sich zu entspannen. Wenn schon, dann muss man Kraft und Mut haben, im anscheinenden Chaos grammatische Regeln zu finden, die mit so viel Ausnahmen versehen sind, dass diese praktisch die Regeln abschaffen. Wenn man auch das hinter sich hat, so muss man dann mit der Rechschreibung kämpfen, in dem man viel liest. Und erst dann, mit villeicht etwa über 70, begreift man endlich, was es heißt, Russe zu sein, weil man es selber geworden ist. Wie viele schaffen es? Ich persönlich kenne drei Deutsche, die wenigstens akzentfrei Russisch sprechen. Und die wollen komischerweise nicht nach Deutschland zurück.
Wie hat denn Deutsch mich umprogrammiert? Meine Gefühle haben dank Deutsch eine Bahn bekommen, ich greife auf die Härte der deutschen Logik zurück, wenn ich das brauche.Und ziehe unter die weiche Decke von Gefühlen zurück, wenn die Logik zu sehr in meinem Leben vorreitet. So einfach funktioniert es bei mir, wie bei einem Zugvogel, der zwei Heimaten hat.
27.10.12
es weihnachtet.....
Seit 2006 findet in Nowo der deutsche Weihnachtsmarkt statt. Zuerst haben das nur unter sich Deutsche organisiert, die in der Stadt leben und die ihr gewohntes Leben hier einrichten wollten. Dann aber wuchs das ganze, und im vorigen Jahr hat es schon etwa 1 000 Besucher gegeben. 2012 hat sich das Weihnachtsteam an die Arbeit schon Anfang Oktober gemacht. Wir suchen Leute, die bereit sind, den Geist von deutschen Weihnachten für einen Tag in Nowo zu bringen. Diesmal soll es also der 02.Dezember sein. Es heißt für uns viel Arbeit. Aber auch ist der Spaß daran. Und Kinder vom Waisenhaus, das unter Fittichen von Caritas steht, werden sich über Geschenke freuen, denn der ganze Erlös vom Markt geht für die. Und das ist gut so.
Nowosibirsk als Geschäfts - und Handelszentrum
Ich habe schon geschrieben, dass Nowo als Verkehrsknotenpunkt entstanden ist. Dazu ist mit der Zeit auch die Funktion als Kultur - und Wissenschaftszentrum Westsibiriens gekommen, aber der Handel bleibt nach wie vor wichtig für die Stadt. Am 31.01.2012 wurde ein neues Messegelände eingeweiht. Mit 40 000 Quadratmeter Ausstellungsraum und 5 000 Parkplätzen ist es das größte Messegelände vom Ural bis zum Fernen Osten. Fotos sind hier zu sehen http://gelio-nsk.livejournal.com/178364.htm
Apropo hieß die erste Messe im neuen Messegelände SibBuild, an der eine große Delegation aus Deutschland zu treffen war, wo Christian Hennecke, Architekt und Mitgründer von CULTUREBRIDGE ARCHITECTS einen Vortrag über Niedrigenergie gehalten hat. Es hat sich halt so ergeben in meiner Stadt, dass Deutsche hier nicht wegzudenken sind. Deutsche Spuren sind überall und angefangen hat das noch lange her. So hat es zum Beispiel das erste deutsсhe Generalkonsulat schon 1923 gegeben. Vielleicht erklärt das, warum so sehr populr bei uns Deutsch ist.
Apropo hieß die erste Messe im neuen Messegelände SibBuild, an der eine große Delegation aus Deutschland zu treffen war, wo Christian Hennecke, Architekt und Mitgründer von CULTUREBRIDGE ARCHITECTS einen Vortrag über Niedrigenergie gehalten hat. Es hat sich halt so ergeben in meiner Stadt, dass Deutsche hier nicht wegzudenken sind. Deutsche Spuren sind überall und angefangen hat das noch lange her. So hat es zum Beispiel das erste deutsсhe Generalkonsulat schon 1923 gegeben. Vielleicht erklärt das, warum so sehr populr bei uns Deutsch ist.
24.10.12
Das größte Opernhaus Russlands online
Das bekannteste Theater Russlands liegt in Moskau und heißt "das Bolshoj Theater", wörtich übersetzt "das Große Theater". Aber die Zeit, als dieses Theater am Theatralnaja Platz in Moskau, gebaut 1825, als größtes in Russland galt, war noch 1941 vorbei, als ein Theatergebäude in Nowosibirsk fertiggebaut worden war. Eröffnet weden sollte es am 01.August 1941, aber wegen des Zweiten Weltkrieges (der bei uns der Große Vaterländische Krieg heißt) wurde es erst am 12.05.1945 eröffnet. Ganze 4 Jahre wurde das Opernhaus in Nowosibirsk zur teuersten Schatzkammer Russlands, die die Schätze von der Hermitage, Tretjakowsky Gemäldegalerie, Peterhof, einschließend Elemente vom Bernsteinzimmer, beherbergt hat.
Bis 2005 war unser Opernhaus mit seinen 2500 Sitzplätzen das größte Opernhaus Russlands und seit 2005, als alle Renovierungsarbeiten durchgeführt worden waren (mit Hilfe deutscher Ingenieure), ist es auch das modernste Opernhaus Russlands, d.h. ausgestattet nach höchsten Standarts.
Ab dem 20.Oktober 2012 kann man sich alle Aufführungen online anschauen. http://paraclassics.com/novosibirsk-adolphe-adam-corsaire-igor-zelensky/ . Diese Möglichkeit schafft natürlich nicht einen "offline"-Theaterbesuch ab, denn sonst hat man keine weitere Gelegenheit, sich das Abendkleid anzuziehen und in der Pause einen Sekt zu trunken:)))
Details: on-line haben sich die Aufführungen des Nowosibirsker Opernhauses über 30 000 Leute aus 880 Städten in ganzer Welt angeschaut, in 75 Ländern. Bewohner aus 120 Städten Russlands haben diese Möglichkeit besucht. 60% aller on-line-Zuschauer stammen aus Russland, 20% stammen aus Europa und 20% stammen aus den USA und Asien.
Details: on-line haben sich die Aufführungen des Nowosibirsker Opernhauses über 30 000 Leute aus 880 Städten in ganzer Welt angeschaut, in 75 Ländern. Bewohner aus 120 Städten Russlands haben diese Möglichkeit besucht. 60% aller on-line-Zuschauer stammen aus Russland, 20% stammen aus Europa und 20% stammen aus den USA und Asien.
09.10.12
Goethe und Nowosibirsk: Drang nach Wissen
Da stehe ich neulich in einer Buchhandlung, Mythen des alten Griechenlands für Kleinkinder unterm Arm und warte, bis ich an die Kasse gelange. Das ist eine ganz gewöhnliche kleine Nowosibirsker Buchhandlung. Vor mir steht ein junger Mann, etwa 30, in einem guten Anzug, aber ohne Krawatte. Der sieht nach einem Sale-Manager aus, ein sehr typischer Beruf für meine Stadt. Zu erwarten wäre von ihm die Frage "hätten Sie was zur russischen aktuellen Steuergesetzgebung" oder "Hätten Sie was über erfolgreiche Strategien in der Kundenauqisition". Oder auch könnte er einen teueren Kuli-Set als Geschenk für seinen Kollegen kaufen. Aber da höre ich etwas, was man nicht gleich glaubt und zwar:
-Hätten Sie "Faust" von Goethe?
Hm, habe ich mich geirrt und soll das vielleicht ein Student von der Fremdsprachenfakultät sein? Aber der Anzug ist echt zu teuer für einen Studenten. Und mit 30 Student sein ist bei uns so gut wie unmöglich, denn mit dem Studium ist man bei uns mit 21 oder 22 fertig. Das ganze ging mir schnell durch den Kopf und ich habe nicht mal den Gedanken bis zum Ende gebracht, als ich die Antwort von der Verkäuferin höre:
- wir haben ein paar Exemplare neulich bekommen, aber die waren schnell vergriffen. Wir haben beim Großhädler noch welche bestellt. Kommen Sie in ein paar Tagen vorbei oder schauen Sie auf unserer Homepage.
Tja, soll es in Nowosibirsk eine Goethe-Epidemie geben, oder?
Aber da fällt mir ein Bericht von einer Sibireinreise eines deutschen Schriftstellers, Hans Pleschinski, ein, wo er dieses auch für einen Deutschen komische Phänomen beschrieben hat http://www.nzz.ch/aktuell/feuilleton/literatur/konfekt-aus-der-tundra-1.17469073#nzzformat
Das ist keine Epedemie an sich, das ist bloß der Drang nach Wissen, bestimmt von 32 Universitäten, die in der Stadt präsent sind und die langsam das Bildungsniveau meiner Landsleute steigern. Schließlich lese ich für meinen Sohn als Gute-Nacht-Geschichten nicht Comics über Sponge Bob vor, sondern Mythen des alten Griechenlands. Mein Sohn ist nun 5. Was wird er wohl mit seinen 30 in der Buchhandlung nachfragen?:)))
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