Posts mit dem Label russische Intelligenzija werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label russische Intelligenzija werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

16.04.14

Kunst in Sibirien und Pluralbildung der Maskulina. Danila Menschikow.

      
Der Gott atmet in den Leib des Mannes den Geist ein. In den Mund hinein.  Eben nur durch diesen Satz konnte ich mir einst die Substantive männlichen Geschlechts merken, als ich mich an der Uni mit dem Thema „Pluralbildung deutscher Substantive“ gequält habe. Also sollten als Ausnahmen „Gott“,“Mund“, „Leib“, „Mann“, „Geist“ gespeichert werden. Die bilden den Plural anders als Maskulina es sonst tun. Na ja…manches männliches duldet keine gebahnten Wege. Wie auch die Künstler, seien sie aus Deutschland oder Sibirien. Künstler sind eigentliche nur die, die eben keine gebahnten Wege gehen, sondern ihre eigenen Spuren hinterlassen.

    Danila Menschikow, ein Maler aus Nowosibirsk, hat es geschafft, sehr viele Wege gegangen zu sein. Mal als raffinierter Maler im zentrumsnahen Atelier, das er von seinem Vater, einem bekannten Nowosibirsker Bildhauer übernommen hat. Mal als Handwerker. Mal als ein konservativer Romantiker. Mal als ein richtiger Sibirjak, der in seinem Landeshaus zu tüfteln versteht, in einem gottverlassenen Dorf, 100 km von Nowosibirsk entfernt. Mal als Lehrer. Danila ist vieles auf einmal.  Ein Pluraliatantum. Und nichts widerspricht sich, sondern umgekehrt, es entsteht ein Ganzes, dadurch, dass sich Gegensätze ziehen.  Typisch russisch.

Der Handwerker

    Bei Frage Handwerk muss man aufpassen, dass man sicher nicht bei billigem Volkskitsch landet, der einem Ausländer, der in Moskau durch die Arbat-Straße pendelt,  als nette Volkskunst vorkommen kann.
-    Sibirische oder russische handwerkliche Techniken, das Handwerk und die Kunst sind drei unterschiedliche Sachen, so Danila. Das Handwerk ist eigentlich die Fertigkeit, jeweilige Werkzeuge ideengemäß einzusetzen. Wenn dabei  hohe Vibrationen des menschlichen Geistes im Spiel sind, die auch einen anderen berühren, so ist es schon Kunst. Die Kunst ist halt die höchste Stufe des Handwerkes, sagt der Maler.
       Und was ist nun mit der russischen Volkskunst? Mit all dem, was als „russische Volkskunst“ in Souveniersläden verkauft wird? Die wären eine falsche Adresse, denn das Echte ist nicht zu kaufen oder zu verkaufen. Die russische oder auch sibirische Volkskunst ist im Märchen, Sagen, Liedern zerstreut, die einst Danila für eine Reihe Illustrationen inspiriert haben.



Der Maler, aber kein sibirischer

    Danila Menschikow betont, er sei kein sibirischer Maler, aber ein russischer. Die Kunst ist eigentlich das, was einerseits subjektiv  und andererseits international ist, sie kennt kein Deutsch oder Russisch. Das Subjektive bei der Kunst ist nämlich der Blick des Malers, der auf etwas gerichtet ist, was die anderen nicht sehen. Wie im berühmten Kinderspiel. Danila sieht alltägliche Dinge anders, ihre Magie ist auch auf den Bildern zu spüren.

 Und das Entstellte drauf ist nicht gleich das Entstellte, sondern die Einzigartigkeit des Blickwinkels des Malers. Danila malt gerne Frauen mit langen Hälsen und unmöglichen Hüten, weil er als Maler das Recht auf einen Fehler hat, der in der Kunst nicht gleich der Fehler ist, sondern eben die Handschrift, die Art und Weise zu malen. Wie es El Greco, Vincent van Gogh, Picasso, Velázquez, Francisco de Goya mal gewagt haben, anders zu malen als es üblich war. Die alle, samt Da Vinci, waren und sind ein Vorbild für Danila. Der technische Fortschritt des 20-21.Jahrhunderts beindruckt zwar, aber die Errungenschaften des menschlichen Geistes sind in der Antike, in der Renesaince zurückgeblieben.  





Der konservative Romantiker







   Diese langen Hälse kommen aus der europäischen Gotik mit ihren Türmern, aus dem anderen Leben, aus der anderen Welt, die für einen sowjetischen Durchschnittsmann unmöglich weit und unerreichbar waren. Wenn man hinter dem Eisernen Vorhang groß wird und Europa aus Romanen von Alexandre Dumas, aus Legenden über Till Eulenspielgel kennt, aus Bildern von Dürer und Leonardo da Vinci, so bleibt man diesen Gestalten treu, wenn die auch in Europa selber keine Vorbilder mehr sind.
     Europa, wie es vor Nitzsches  „Gott ist tot“ war, lebt weiter im Gedanken- und Kulturgut der russischen Intelligenzija, die sich nach wie vor an die Renaissance, Antike orientiert, an diese Wiege des menschlichen Geistes.  In russischen Fachschulen und Fachhochschulen für Kunst stehen immer noch die Titanen der Renaissance als Vorbild, eben als Denkmäler der Errungenschaften des menschlichen Geistes. 
-     Auf die zu verzichten und die Kunst auf neuem Boden zu schaffen heißt ein wandelnder Komet zu sein, der keine Heimat kennt. Wie die gegenwärtige europäische Kunst, die sich komischerweise Kunst nennt. Es ist aber keine. Bloß kreatives Schaffen, dessen Reiz schnell vergeht und kaum in die Ewigkeit durchsickert, so Danila.

Kein zeitgenössischer Künstler






   Zeitgenössische Kunst sei für Danila ein Schimpfwort. Bei der Kunst geht es ums schöpferische Schaffen. Die zeitgenössische Kunst  wie bei Bruce Nauman sei vor allem Ungeheuerlichkeit und Vernichtung. Die Maler in den 20-60-ern des 20.Jahrhunderts konnten sich leisten, das Publikum zu schockieren, aber im 20.Jahrhundert hat sich die Anzahl der Menschen vervierfacht, es sind jetzt gute 6 Mrd auf der Erde. Das Ungeheuerliche kommt nicht mehr an. Die Renaissance  verberge das Traditionelle, im Nachhinein wurde es  nur noch nach Schattierungen gesucht.
    Die gegenwärtige Kunst, das, was sich als solche nennt, das Meiste davon, sei halt ein anderer Zweig, kein Erbe der großen Epoche.
   Viele russische Künstler, eher aber nicht die russische Avantgarde, dafür aber hätten alles sorgfältig gesammelt, denn diese Orientierung an die Renaissance war mehr als nur die Kunst.
Das war für einen durchschnittlichen sowjetischen Menschen die Möglichkeit aus dem Realismus in die andere Welt zu fliehen oder eine zu schaffen. 
     Deshalb versteht sich ein Künstler immer als ein Schöpfer. Ein Bild zu malen heißt zu schaffen. Eine künstlerische Performance, wenn ein Haus abgerissen wird, heiße Vernichtung und in diesem Sinne keine Kunst, da kein Schaffen. Das ähnelt eher einem Vandalenakt. Und der Vandalismus kommt aus der städtischen Kultur. Aus der Sehnsucht nach Freiheit und viel Bewegung. Wenn man in so einer Stadt wie Nowosibirsk lebt, ist man schon ein Städter, der aber kurz und schnell ins Dorf fliehen kann und der Natur nah zu sein.

Der Sibirjak und der Dorfbewohner





-    Die Kunst an sich sei das Kind der Zivilisation, so Danila.

    Es ist eine Art Ersatz der Natur, ein tiefgefrorenes Stück der Harmonie, das Wenige davon, was im städtischen Leben zugänglich ist. Im Dorf ist die auf Schritt und Tritt zu treffen. Da kann einer damit jederzeit liebäugeln. Wenn Danila ins Dorf fährt, um sich vom städtischen Trubel zu erholen, so tüftelt er da gerne, macht das, was ein echter Mann auf dem Lande zu erledigen hat. Das Leben auf dem Lande bietet schon viele Möglichkeiten, Tag für Tag schöpferisch zu bleiben, etwas zu errichten und aufzubauen. Das ist im Blut des Menschen. Bloß das städtische Leben zwingt uns zu nichts zu tun und das verletzt das innere Bedürfnis des Menschen zu schaffen, sich zu bewegen. Daher kommen viele Vandalenakte und Perfomances. Es ist bloß so, dass Danila Menschikow  in seinem Dorf Abraschino am Ob-Stausee, bald sein Atelier vermisst. Ein Traum, ein ganzes Jahr durch auf dem Lande zu leben kommt und kommt nicht in Erfüllung, denn auch bei einem Künstler gilt es, den Regeln der Gesellschaft zu folgen, in der Geben und Nehmen ein Gleichgewicht haben sollten.

Der Lehrer








   Das beeinflußt einen sehr, wenn er zwischen der Hauptstadt Sibiriens und einem weitgelegenen Dorf lebt, fortgeschrittene Maltechniken anwendet, um Gestalten der Renaissance neu zu interpretieren. Wenn man noch als Kind als Andersdenker in der sowjetischen Schule getadelt wird und Jahre danach sieben Tage der Erschaffung der Welt darstellt.  
  Wenn man als ein Sibirjak in Spanien plötzlich versteht, dass Meer, Küste, Spanisch irgendwie vertraut vorkommen, wenn man dabei auch mitten im Schneewald beim ersten Strich des Streichholzes das Feuer machen kann. Man spürt so deutlich einen starken Geist an Danila. Heutzutage würde das eher Ausstrahlung heißen. Aber bleiben wir beim Wortschatz der Antike und Renaissance.
     Der Gott hat bestimmt den Geist in den Leib dieses Mannes eingeatmet. Danila hält in der Hand den Faden, der die alten und neuen Zeiten verbindet. Und deshalb  kann er nun den anderen beibringen, was das plastische Denken in Kombination mit Wort ist, wie einer zwischen dem heutigen Alltag und den antiken Idealen nicht zerrissen wird. Heutzutage fehlt das irgendwie nicht nur unter Künstlern, nicht nur in Europa. Wäre das nicht der Anlass, nach Nowosibirsk zu kommen?



Am 01.Mai 2014 wird in Wolfenbüttel eine Ausstellung mit Bildern von Danila Menschikow eröffnet.http://www.artgeschoss.com/ausstellung-2014-exhibition-2014/

01.05.13

Nowosibirsk monstriert. Schon wieder.

         Nowosibirsk ist nicht als Nowosibirsk geboren. Den Namen, der im Russischen so dynamisch klingt, hat der Ort erst 1926 bekommen, statt Nowonikolajewsk. Der alte Name wies auf den damaligen Zaren hin, Nikolaj den Zweiten. Im neuen - sowjetischen -Russland sollte diese Spur völlig verschwinden, und so kam neues Sibirien auf die Karte Russlands. Und plötzlich wuchs die Stadt. Rasant. Von 120 000 Einwohner im Jahre 1926 auf 404 000 im Jahre 1939. Hat denn der  neue Name so sehr die Stadr beeinflußt? Ich weiß, was für Tricks Russisch spielen kann. Ein neues Wort ist imstande, total das ganze Leben zu verändern. Das hat sich der Ort irgendwie gemerkt. Und so kamen auf die Welt Akademgorodok, das Totalny Diktant, und die Monstration. Das sind Wörter, die Nowosibirsk der russischesprachigen Welt geschenkt hat. Die letzten zwei schon im neuen Russland, das die Sowjetunion abgelöst hat.
        Heute hat Nowosibirsk zum 10. Mal monstriert. Die erste Monstration hat am 01.05. 2004 stattgefunden, wobei etwa 80 Teilnehmer neben der offizielen Demonstration (eine noch von der sowjetischen Zeiten übernommene Tradition, als der Tag des Schaffens gefeiert wurde) ihr eigenes Happening organisiert haben. Dieses lehnte sich wiederum an die Veranstaltung "Stjobiusband", organisiert 1995 von Nowosibirsker Künstlern. Der Name war auch ein schönes Wortspiel, einerseits ist es der Hinweis auf das Möbiusband und andererseits steckt da das russische Wort "Stjob", was   für Witz und Spott steht. Die Teilnehmer hielten  absurde und lusitge Parolen hoch, wie z.B. "in vino veritas, aber die Wahrheit an sich ist in der Wodka".
        Diese Veranstaltung "Stjobiusband" aus 1995 lehnte sich an Demonstrationen aus den 20-ern,  als gleich nach der sozialistischen Revolution avantgardistische Künstler wie Dichter Majakowsky, Burljuk, Bely noch Freiheit hatten,  geistige wie intellektuelle und physische. Man hatte damals noch geglaubt, dass eine helle Zukunft auf weitere Generationen zukommt. Bis zu Stalinssäuberungen waren noch etwa 15 Jahre. Da nahm das Schicksal des ganzen Landes schon eine Kurve, der es nicht mehr zu entgehen war. Aber in den 20-ern ist der Geist der Freiheit und der Befreiung noch da. Wie 1995 in Nowosibirsk. Die Künstler hatte sogar der damalige Gouverneur Iwan Indinok begrüßt. Es stand dabei auf der Treppe des Nowosibirsker Regierungsgebäudes, das lustigerweise der Gemäldegaleire gegenüber liegt.  Gerade fand das "Stjobiusband" seine Fortsetzung, wobei Dichter dichteten, Maler  zum Gedichteten malten und Musiker  Musik zum Gedichteten und Gemalten spielten. Es ging lustig zu, kein Hauch von Verboten und Missbilligung seitens der Regierung. Eine goldene Zeit im Nachhinein.
       Also diese Traditionen aus den 20-er und 1995, beides Ausdrucksmöglichkeiten der russischen Intelligenzija, führten zur Monstration 2004. Es kamen wieder lusitge absurde Parole. Aber nicht mehr, weil wir viel Freiheit hatten oder uns von der Vergangenheit trennen wollten. Organisiert die Monstration hatten nun sehr junge Leute, unter 30. Die Gesellschaft war zu der Zeit apolitisch geworden. Und was in der Politik los war, das war absurd. Man lacht manchmal um nicht zu weinen. 
       Die Monstration war gedacht als eine künstlerische Aktion, wenn Teilnehmer ihre Parolen in der Hand sprechen lassen. Der Name ist von "Demonstration" abgeleitet, aber da das Präfix "de" eine dekonstruktive Bedeutung hat, wurde darauf verzichtet.  Parolen waren eigentlich  auf den ersten Blick apolitisch. Aber wer unter den Zeilen lesen kann, der versteht schon was. Und lacht. Meine Lieblingsparolen stammen aus dem vorigen Jahr, als im Land plötzlich Proteste kamen, nach den Wahlen in die Duma, nach dem Schachspiel mit dem neuen alten Präsidenten. Das sind die: "Мы - это вы. Только лучше" - "Wir seid ihr. Bloß besser" (ein Gespräch von jungen Leuten mit den älteren Generationen, die an der Macht sind), "не учите нас жить, иначе мы научим вас" -"Lehren Sie uns nicht zu leben, sonst lehren wir Sie", "Sie stellen uns nicht mal vor" (eine Anspielung auf die Resultate der Wahlen in die Duma, wobei die Abgeordneten praktisch die Wähler nicht vorgestellt hatten, da bei Stimmenauszählung viele Tricks eingesetzt worden waren. Und wie der Satz im Russischen gebaut war - "Вы нас даже не представляете" - das konnte man gleichzeitig verstehen als "Sie stellen sich nicht mal vor, wie wir sind"). Ich genieße richtig diese tollen Spiele mit der Sprache.
           Da diese künstlerische Aktion sehr frisch, aussagekräftig war, fand sie Fans in weiteren Städten Russlands und ehemaligen GUS-Ländern. Die Monstration wie auch das Totalny Diktant hat die Grenzen von Nowosibirsk und Russland überschritten.  2011 wurde sie  vom Staatlichen Zentrum für moderne Kunst (Moskau) mit dem Preis für die Innovation in der Kunst ausgezeichnet. 2013 sollen alleine in Nowosibirsk etwa 3 500 Leute mitgemacht haben.
          Bloß wird es von Jahr zu Jahr schwieriger. Schrauben werden langsam aufgedreht. Auch das Absurde kommt verdächtig vor. Wenn die städtische Regierung nicht so aktiv dagegen gewesen wäre, wäre vielleicht die Monstration nicht so populär geworden. Artjom Loskutow, der Organisator, sollte sich schon viel einfallen lassen, damit die Monstration doch stattfindet. Legal. Eben auf die Legalität wird viel Wert gelegt. Ich habe ab Anfang April mit Interesse die Geschichte mit "Genehmigung" und "Verbot" verfolgt. Nicht nur ich. Das hätte eine Art Vorfreude auf das Fest sein können, wenn es nicht so traurig gewesen wäre. Man weiß wirklich nicht, wie zu reagieren, wenn man zum Beispiel liest, dass in Krasnojarsk die Monstration unter der Bedingung genehmigt wird, wenn Parolen nicht absurd sind. Und das bei einem Fest der Asburde! 
Doch hat die 10.Monstration stattgefunden. Die Hauptparole war "вперед к темному прошлому!" was im Deutschen "Vorwärts zur dunklen Vergangenheit!" heißt (ein Gegensatz zur Folskel aus der sowjetischen Zeit "вперед к светлому будущему", also "vorwärts zur hellen Zukunft!")
Hier sind die Fotos
wir sind nur Schachbauern



Weitere Fotos sind hier zu sehen.

05.04.13

Total diktatorisch oder die Wahl der russischen Intelligenzija

        Tja, es ist weltbekannt, dass Russlland  ein geheimnisvolles Land ist, das komische Traditionen hat, auf die es trotz aller Veränderungen, Innovationen, Modernisierungen, Demokratisierungen nicht verzichten kann. Irgendwo so tief, im Blut vielleicht, in den kleinsten DNA, sitzt etwas, was von einer Generation zur anderen geerbt wird, was sich aber evolutionsgemäß der gegenwärtigen Welt anpassen muss. 
        Zum Beispiel, wir hatten schon immer wenig Neigung zur Demokratie. Es herrschte immer ein Zar, wenn der auch der Generalsekretär der Kommunistischen Partei geheißen hat. Stalin war ein Diktator, mit dessen Erbschaft wir immer noch nicht fertig sind. Vielleicht deshalb, um das fertig zu kriegen, haben kluge Köpfe aus der Nowosibirsker Staatuniversität mal beschlossen, dem Wort "Diktator" eine neue Bedeutung zu verleihen, die dem Geist der Stadt entspricht, die wie ich schon mal erzählt habe, selber ein Projekt dreier Generationen der russchen Intelligenzija ist. Diese Erbschaft der Intelligenzija wird besonders aktiv durch die Luft in Akademgorodok  übertragen, es reicht manchmal, nur nach Akademgorodok zu fahren und da ist man schon unheimlich intelligent:)) intelligent in dem Sinne, wie es in Russland aufgefasst wird, über das IQ hinaus, tief ins Herz eingreifend, wo  Liebe zu Weiten, zur Welt und zum Weltall verweilen.
          Also am 11.März 2004 haben sich 200 Leute von der Geisteswissenschaftlichen Fakultät der NSU versammelt, um ein Diktat mitzuschreiben. (wörtlich aus dem Russischen übersetzt würde die Fakultät eine humanitäre heißen, nicht geisteswissenschaftliche. Die russische Variante mag ich lieber, weil die Wissenschaft, wenn die auch vom Geiste ist,  ja doch  nicht alles erklären kann, was den Menschen, also das Humanum angeht). Heute würde man dazu sagen, ein Flash-Mob. Stimmt auch. Aber die von Akademgorodok hatten nicht das Ziel, sich  zu amüsieren, sondern den Begriff "russische Intelligenzija" wiederzubeleben. 
        Schon immer, seit den Zeiten des zaristischen Russlands, auch in der Sowjetunion, waren die Belesenheit und  das fehlerfreie Schreiben Merkmale der russischen Intelligenzija, die damals den Ton für die ganze Gesellschaft gegeben hat. Es war nicht der Mittelstand, wie in Deutschland oder ganz Europa, der ein Motor für die Fortbewegung war und immer noch ist, sondern die Intelligenzija.  Also nicht (oder nicht nur) die Summe auf dem Konto und nicht die Kaufkraft haben Orientiere für die Gesellschaft gesetzt, sondern die Fähigkeit, zu denken und zu fühlen und das in Worte zu fassen. Das war alles anerkannte geistige Elite, die höchste Stufe in der Gesellschaft. Auch die Sowjetunion hat da nichts verändern können, alle Stalins Säuberungen konnten diese Zugehörigkeit zur Elite nicht vernichten. Vielleicht weil das wirklich nicht übers Blut geerbt wird, sondern über die russische Sprache, deren regenerative Kraft mein Lieblingsschriftsteller Brodsky besungen hat.
        Während der Perestrojka und in der Zeit darauf stürzte vieles zusammen. Luxuriöse Waren, bunte Verpackungen, Reisefreiheit waren eine Art Sinntflut, die die Intelligenzija von ihrer Höhe herabgeschwemmt  hat. Es war nicht mehr cool, ein Intelligent zu sein, fehlerfrei zu schreiben. Es wurde cool, sich teure Klamotten, Autos zu kaufen, auf den Urlaub ins Ausland zu reisen. Das Recht des Starken hat alles überwogen. Und Intelligenten waren nicht die, die aus solch einem Ringen als Sieger davon kommen. Die Sieger, die zur Zeit der Intelligenzija, als Dreiler genannt waren (nach der Schulnote "drei", also "befriediegend"), haben eine neue Wirtschaft in Russland gebaut, weil sie mehr Kraft gazu hatten. So dauerte es bis etwa 2000. Dann ist es in der Gesellschaft irgendwie zur Besinnung gekommen. Dann haben auch die neuen Russen (ein sehr spottischer Begriff) verstanden, dass alleine das Geld einen nicht zur Elite macht. Das Bestreben nach alten Werten schwebte in der Luft, und weil die Luft von Akademgorodok eine besondere ist, hatte es eben da funktioniert. 
         Die Organisatoren vom "Totalny Diktant" (das totale Diktat) wollten den für unsere Traditionen wichtigen Begriff  "intelligent" wieder auf den Höhenpunkt bringen, denn in der Zeit der Perestrojka wurde "intelligent" zum Synonym "Verlierer". 200 Leute wollten beweisen, dass sie keine Verlierer sind, dass es wieder Mode sein soll, fehlerfrei zu schreiben (so lautet das Motto des Projekts). So ging es 5 Jahre vor, dass Texte aus der russischen klassischen Literatur ausgewählt worden waren, jemand sie vorgelesen hat , Diktate  geprüft wurden, Noten erteilt. Schluss. 200 Leute immer dabei.
            Aber 2009 ist jemand auf die Idee gekommen, Psoi Korolenko als "Diktator" (einer, der diktiert, nicht diktatorisch regiert:)))  einzuladen. Statt 200 waren plötzlich 600 Leute gekommen. Ein langweiliges schulisches Diktat wurde plötzlich zu einer Art Show. Das war ein Wendepunkt in der Geschichte des Projekts. 
      2010 haben sich der Nowosibirsker Staatsuniversität weitere Nowosibirsker Unversitäten, Bibliotheken, Schulen angeschlossen, vorgelesen wurde es gleichzeitig an 17 Veranstaltungsorten in der Stadt, mitgemacht haben schon 2 400 Leute, unter denen auch große Geschäftsleute, Wissenschaftler, Minister aus der Gebietsverwaltung zu sehen waren. Der Text  wurde dazu extra von einem bekannten Schriftsteller Boris Strugazky geschrieben, was ich auch sehr symbolisch finde, denn eben Boris Strugazky und sein Bruder Arkady unter einer totalen sowjetischen Zensur Phantasy geschrieben haben, in denen ein intelligenter Mensch unter den Zeilen die Wiederspiegelung der sowjetischen Realität ablesen konnte. Und nicht nur die Wiederspiegelung. Wenn man ihre Bücher heutzutage liest, so kann man eine Gänsehaut kriegen, wie provisorisch die noch in den 60-70-er die geistige und wirtschaftliche Krise beschrieben haben, die heute die ganze Welt befallen hat. Die Gebrüder Strugazky haben für die sowjetische Intelligenzija eine Brücke in die Zukunft gebaut, keine phantastische Zukunft, sondern die, die jetzt meine Gegenwart ist. Es war Mode, Strugazky zu lesen, zu zitieren. Immer noch werden ihre Bücher gut verkauft. Es gibt ewige Werte, deren Geltung nicht vergeht:))
             Über das totale Diktat haben damals alle Nowosibirsker Massmedia erzählt und manche föderale auch.
          Im Februar 2011 wurde das Totalny Diktant mit einem Preis ausgezeichnet, der ein großes Interesse am Projekt in mehreren Städten Russlands geweckt hat.
         2011 haben schon 4785 Leute aus 13 Städten Russlands mitgemacht, der Text wurde wiederum von einem jungen populären Schriftsteller, Kritiker, Journalisten Dmitry Bykow geschrieben.
         2012 waren es schon  14 217 Teilnehmer  in 89 Städten aus 11 Ländern, die sich den Text von Sachar Prilepin haben diktieren lassen. 
        Morgen kommt der Text von Dina Rubina.  Etwa 30 000 Leute in 177 Städten aus 35 Ländern werden den mitschreiben. Meine Lieblingschritstellerin ist dazu nach Nowosibirsk gekommen. Sie lebt eigentlich in Israel, schon lange. Aber sie bleibt eine russische Schriftstellerin, denn sie schreibt auf Russisch und über Russen, wenn auch ihre Charaktere in der ganzen Welt zerstreut sind. Wenn diese Russen auch mal judischer, ukrainischer Herkunft sind, bleiben sie alle trotzdem "russisch", denn all sie sprechen Russisch. Und alle Schriftsteller, die für das Projekt geschrieben haben, halten das für eine große Ehre. Soll ich erklären, warum?
    Ich habe schon geschrieben, dass Nowosibirsk eine Stadt ist, an der man die Zukunft Russlands vorhersagen kann. 200 intelligente Leute brauchten 6 Jahre, damit das Projekt von selbst, von seiner eigenen Kraft wächst, unterstützt nur durch Interessente, Gleichgesinnte. Nowosibirsker haben es geschafft, das Totalny Diktant über die Grenze zu exportieren. Nicht Gas oder Öl. Das haben wir nicht in Nowosibirsk. Sondern, diesen Wunsch, sich fehlerfrei ausdrücken zu können, sich selbst unter Beweis zu stellen, ob man ein Humanum ist, oder ein Verbraucher. Und auf die Weise entstehen und sich entwickeln konnte das totale Diktat nur in Nowosibirsk. Das ist ein magischer Ort, den die russische Intelligenzija für ihren Fortbestand gewählt hat. Ausgesucht. Mit Liebe eingerichtet. Deshalb liebe ich diese Stadt. Aber pst....das ist ein großes Geheimnis.
weitere Fotos sind hier zu sehen