In meinem Blog möchte ich über Sibirien erzählen. Aber nur über „neues Sibirien“, denn meine Heimatstadt heißt Nowosibirsk, wörtlich übersetzt „neues Sibirien“. Es ist 1893 wegen der Brücke über den Ob entstanden, während des Baus der Transsib. Und diese neue Stadt hat genauso so viel am Leben Sibiriens verändert, wie sehr die Transsib das Leben Russlands verändert hat.
Auf Fragen von Sibirien-Fans würde ich mich freuen. Wenn Sie meine Texte weiterverlinken, so bitte geben Sie die Quelle an.
2 Tage vor dem Konzert waren in der Kasse unseres Opernhauses nur noch 3 Tickets übrig. Die weiteren 2 447 Plätzen waren ziemlich schnell ausverkauft. Das Büro von Goethe-Institut in Nowosibirsk und das deutsche Generalkonsulat haben eine sehr gute Werbung gemacht, Poster und Plakate waren überall in der Stadt zu sehen. Aber auch haben die Kenner schon im voraus nachgefragt, wie sieht es eigentlich mit dem Programm Deutschlandsjahr in Russland weiter aus.
Am 3.März war es so weit. Nowosibirsk hat sich so sehr auf das Konzert gefreut, dass sogar das Wetter mitgemacht hat. Es waren etwa +3 und es hat geregnet.
Die Atmosphäre ist sehr gut auf Fotos von Viktor Dmitriejew zu sehen. Die Auswahl habe ich gemacht.
Fotos vor dem Konzert:
Nach dem Konzert wollten Nowosibirkser die Chellisten nicht los lassen. Eine Applauswelle kam nach der anderen. Die Musiker waren überrascht:
Am 29.01.2013 wurde im Nowosibirsker Opernhaus Messe von Leonard Bernstein aufgeführt, zum ersten Mal in Russland. Die lettische Regisseurin Rēzija Kalniņa hat in einem Interview gesagt, dass die Oper nur in Sibirien, sonst nirgendwo anders in Russland aufgeführt werden konnte, weil in Sibirien immer noch, trotz Internet, Flugverbindungen zur ganzen Welt immer noch die Stille zu finden ist. Und Menschen brauchen Stille, um einander, dem Gott zuzuhören. Der Verwirklichung vom langjährigen Traum von Rēzija Kalniņa, diese Oper über Gott im Leben jedes einzelnen aufzuführen, haben über 220 Nowosibirsker Schauspieler, Musiker und Sänger geholfen, unter ihnen waren auch Sänger aus Lettland und Estland. Weitere schöne Fotos von der Erstaufführung von Viktor Dmitrijew sind hier zu sehen. Am 31.01.2013 um 15.30 moskauer Zeit (12.30 deutscher Zeit) ist "Messe" online hier zu sehen.
Seit über zwei Wochen habe wir einen richitgen Frost, bis -44. In der Stadt ist es relativ wärmer, wenn man annehmen könnte, dass 5 Grad da eine Rolle spielen könnten. Auf dem Lande, wo Abgаse die Luft nicht erwärmern, sind es -44. Die Städtler vergnügen sich mit -36-39. Bei so einer bissigen Kälte hat man wenig Lust, etwas draußen zu unternehmen, außer schnell von zu Hause zur Arbeit und zurück zu rennen. Shopping und Cafes verlieren auch an ihrer Attraktivität. Ich frage mich mal auch ganz ernst, ob ich wirklich einkaufen gehen soll, vielleicht ist es höchste Zeit, eine Diät zu halten. Aber dann verstehe ich, dass bei -36 mein Körper doch Energie braucht, um die Kälte zu bekämpfen.
Nach etwa einer Woche von so einem Leben möchte man doch was schönes erleben. Und wenn man nicht gerne ausgeht, so richtet einer sein Leben drinnen ganz gemütlich ein, sei es auch sein eigenes Zuhause oder die Uni.
So hat eine Dozentin von der Nowosibirsker Medizinuniversität, ein Fan von unserem Opernhaus, eine Überaschung für ihre Studenten vorbereitet. Ganz ruhig hat sie die Vorlesung über ethische Probleme in der Eugenik und bei genethischen Manipulationen gehalten, dabei hat sie die Stellung der christlichen Kirche zur Verjüngung erwähnt und ihre Medizinstudenten an die Legende über Doktor Faust von Goethe erinnert.
Und da springt plötzlich ein Student im weißen Artzkittel auf und singt die erste Strophe aus der Oper "Faust" von Charles Gounod vor. Was dabei auffällt, ist es, dass die Stimme eingetlich zu schön für einen Medizinstudenten ist. Und es hat sich herausgestellt, dass es ein bekannter Opernsänger Karen Mowsessjan ist. Seinem Gesang schließen sich auch weitere Opernsänger an, die die Dozentin Julija Maximowa zu ihrer Vorlesung eingeladen hat.
Zu sehen ist das ganze hier, ab 0:33
Das war ein Flash-Mob des Opernhauses aus dem geistreichen Projekt "Wir besingen diese Stadt neu". So amüsieren wir uns, wenn es draußen kalt ist. Kalt draußen heißt ja nicht, dass das Leben erfriert. Da sind wir gezwungen, sich etwas einfallen zu lassen, damit der Geschmack des Lebens nicht vergeht.
Man sieht sich:))
Das bekannteste Theater Russlands liegt in Moskau und heißt "das Bolshoj Theater", wörtich übersetzt "das Große Theater". Aber die Zeit, als dieses Theater am Theatralnaja Platz in Moskau, gebaut 1825, als größtes in Russland galt, war noch 1941 vorbei, als ein Theatergebäude in Nowosibirsk fertiggebaut worden war. Eröffnet weden sollte es am 01.August 1941, aber wegen des Zweiten Weltkrieges (der bei uns der Große Vaterländische Krieg heißt) wurde es erst am 12.05.1945 eröffnet. Ganze 4 Jahre wurde das Opernhaus in Nowosibirsk zur teuersten Schatzkammer Russlands, die die Schätze von der Hermitage, Tretjakowsky Gemäldegalerie, Peterhof, einschließend Elemente vom Bernsteinzimmer, beherbergt hat.
Bis 2005 war unser Opernhaus mit seinen 2500 Sitzplätzen das größte Opernhaus Russlands und seit 2005, als alle Renovierungsarbeiten durchgeführt worden waren (mit Hilfe deutscher Ingenieure), ist es auch das modernste Opernhaus Russlands, d.h. ausgestattet nach höchsten Standarts.
Ab dem 20.Oktober 2012 kann man sich alle Aufführungen online anschauen. http://paraclassics.com/novosibirsk-adolphe-adam-corsaire-igor-zelensky/ . Diese Möglichkeit schafft natürlich nicht einen "offline"-Theaterbesuch ab, denn sonst hat man keine weitere Gelegenheit, sich das Abendkleid anzuziehen und in der Pause einen Sekt zu trunken:)))
Details: on-line haben sich die Aufführungen des Nowosibirsker Opernhauses über 30 000 Leute aus 880 Städten in ganzer Welt angeschaut, in 75 Ländern. Bewohner aus 120 Städten Russlands haben diese Möglichkeit besucht. 60% aller on-line-Zuschauer stammen aus Russland, 20% stammen aus Europa und 20% stammen aus den USA und Asien.