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01.05.13

Nowosibirsk monstriert. Schon wieder.

         Nowosibirsk ist nicht als Nowosibirsk geboren. Den Namen, der im Russischen so dynamisch klingt, hat der Ort erst 1926 bekommen, statt Nowonikolajewsk. Der alte Name wies auf den damaligen Zaren hin, Nikolaj den Zweiten. Im neuen - sowjetischen -Russland sollte diese Spur völlig verschwinden, und so kam neues Sibirien auf die Karte Russlands. Und plötzlich wuchs die Stadt. Rasant. Von 120 000 Einwohner im Jahre 1926 auf 404 000 im Jahre 1939. Hat denn der  neue Name so sehr die Stadr beeinflußt? Ich weiß, was für Tricks Russisch spielen kann. Ein neues Wort ist imstande, total das ganze Leben zu verändern. Das hat sich der Ort irgendwie gemerkt. Und so kamen auf die Welt Akademgorodok, das Totalny Diktant, und die Monstration. Das sind Wörter, die Nowosibirsk der russischesprachigen Welt geschenkt hat. Die letzten zwei schon im neuen Russland, das die Sowjetunion abgelöst hat.
        Heute hat Nowosibirsk zum 10. Mal monstriert. Die erste Monstration hat am 01.05. 2004 stattgefunden, wobei etwa 80 Teilnehmer neben der offizielen Demonstration (eine noch von der sowjetischen Zeiten übernommene Tradition, als der Tag des Schaffens gefeiert wurde) ihr eigenes Happening organisiert haben. Dieses lehnte sich wiederum an die Veranstaltung "Stjobiusband", organisiert 1995 von Nowosibirsker Künstlern. Der Name war auch ein schönes Wortspiel, einerseits ist es der Hinweis auf das Möbiusband und andererseits steckt da das russische Wort "Stjob", was   für Witz und Spott steht. Die Teilnehmer hielten  absurde und lusitge Parolen hoch, wie z.B. "in vino veritas, aber die Wahrheit an sich ist in der Wodka".
        Diese Veranstaltung "Stjobiusband" aus 1995 lehnte sich an Demonstrationen aus den 20-ern,  als gleich nach der sozialistischen Revolution avantgardistische Künstler wie Dichter Majakowsky, Burljuk, Bely noch Freiheit hatten,  geistige wie intellektuelle und physische. Man hatte damals noch geglaubt, dass eine helle Zukunft auf weitere Generationen zukommt. Bis zu Stalinssäuberungen waren noch etwa 15 Jahre. Da nahm das Schicksal des ganzen Landes schon eine Kurve, der es nicht mehr zu entgehen war. Aber in den 20-ern ist der Geist der Freiheit und der Befreiung noch da. Wie 1995 in Nowosibirsk. Die Künstler hatte sogar der damalige Gouverneur Iwan Indinok begrüßt. Es stand dabei auf der Treppe des Nowosibirsker Regierungsgebäudes, das lustigerweise der Gemäldegaleire gegenüber liegt.  Gerade fand das "Stjobiusband" seine Fortsetzung, wobei Dichter dichteten, Maler  zum Gedichteten malten und Musiker  Musik zum Gedichteten und Gemalten spielten. Es ging lustig zu, kein Hauch von Verboten und Missbilligung seitens der Regierung. Eine goldene Zeit im Nachhinein.
       Also diese Traditionen aus den 20-er und 1995, beides Ausdrucksmöglichkeiten der russischen Intelligenzija, führten zur Monstration 2004. Es kamen wieder lusitge absurde Parole. Aber nicht mehr, weil wir viel Freiheit hatten oder uns von der Vergangenheit trennen wollten. Organisiert die Monstration hatten nun sehr junge Leute, unter 30. Die Gesellschaft war zu der Zeit apolitisch geworden. Und was in der Politik los war, das war absurd. Man lacht manchmal um nicht zu weinen. 
       Die Monstration war gedacht als eine künstlerische Aktion, wenn Teilnehmer ihre Parolen in der Hand sprechen lassen. Der Name ist von "Demonstration" abgeleitet, aber da das Präfix "de" eine dekonstruktive Bedeutung hat, wurde darauf verzichtet.  Parolen waren eigentlich  auf den ersten Blick apolitisch. Aber wer unter den Zeilen lesen kann, der versteht schon was. Und lacht. Meine Lieblingsparolen stammen aus dem vorigen Jahr, als im Land plötzlich Proteste kamen, nach den Wahlen in die Duma, nach dem Schachspiel mit dem neuen alten Präsidenten. Das sind die: "Мы - это вы. Только лучше" - "Wir seid ihr. Bloß besser" (ein Gespräch von jungen Leuten mit den älteren Generationen, die an der Macht sind), "не учите нас жить, иначе мы научим вас" -"Lehren Sie uns nicht zu leben, sonst lehren wir Sie", "Sie stellen uns nicht mal vor" (eine Anspielung auf die Resultate der Wahlen in die Duma, wobei die Abgeordneten praktisch die Wähler nicht vorgestellt hatten, da bei Stimmenauszählung viele Tricks eingesetzt worden waren. Und wie der Satz im Russischen gebaut war - "Вы нас даже не представляете" - das konnte man gleichzeitig verstehen als "Sie stellen sich nicht mal vor, wie wir sind"). Ich genieße richtig diese tollen Spiele mit der Sprache.
           Da diese künstlerische Aktion sehr frisch, aussagekräftig war, fand sie Fans in weiteren Städten Russlands und ehemaligen GUS-Ländern. Die Monstration wie auch das Totalny Diktant hat die Grenzen von Nowosibirsk und Russland überschritten.  2011 wurde sie  vom Staatlichen Zentrum für moderne Kunst (Moskau) mit dem Preis für die Innovation in der Kunst ausgezeichnet. 2013 sollen alleine in Nowosibirsk etwa 3 500 Leute mitgemacht haben.
          Bloß wird es von Jahr zu Jahr schwieriger. Schrauben werden langsam aufgedreht. Auch das Absurde kommt verdächtig vor. Wenn die städtische Regierung nicht so aktiv dagegen gewesen wäre, wäre vielleicht die Monstration nicht so populär geworden. Artjom Loskutow, der Organisator, sollte sich schon viel einfallen lassen, damit die Monstration doch stattfindet. Legal. Eben auf die Legalität wird viel Wert gelegt. Ich habe ab Anfang April mit Interesse die Geschichte mit "Genehmigung" und "Verbot" verfolgt. Nicht nur ich. Das hätte eine Art Vorfreude auf das Fest sein können, wenn es nicht so traurig gewesen wäre. Man weiß wirklich nicht, wie zu reagieren, wenn man zum Beispiel liest, dass in Krasnojarsk die Monstration unter der Bedingung genehmigt wird, wenn Parolen nicht absurd sind. Und das bei einem Fest der Asburde! 
Doch hat die 10.Monstration stattgefunden. Die Hauptparole war "вперед к темному прошлому!" was im Deutschen "Vorwärts zur dunklen Vergangenheit!" heißt (ein Gegensatz zur Folskel aus der sowjetischen Zeit "вперед к светлому будущему", also "vorwärts zur hellen Zukunft!")
Hier sind die Fotos
wir sind nur Schachbauern



Weitere Fotos sind hier zu sehen.

12.02.13

Nowosibirsk als Erbe dreier Generationen der russischen Intelligenzija


                                                                                      
          Eine 34-jährige „einfache Münsteranerin“ hat Ende November 2012 ihren ersten langen Film „Tage die bleiben“ in Nowosibirsk  vorgestellt. Mit ihm  hat die Regisseurin Pia Strietman das 5. Festival des deutschen Films  eröffnet. Zum langerwarteten Beginn des beliebten Festivals waren etwa 350 Leute gekommen, die Tickets im Voraus besorgt hatten, denn in den 5 Jahren, seitdem das Festival in Nowosibirsk präsent ist,  musste man erfahren, dass sonst Tickets nicht zu bekommen sind.
            In Deutschland war dieser Film bisher kaum in den Kinos zu sehen. Nur etwa 10 000 deutsche Zuschauer haben sich den Film angeschaut. Das sind  viel weniger als 1% der gesamten Bevölkerung Deutschlands. 350 Nowosibirsker sind auch viel weniger als 1% von den 1 500 000 Einwohnern der drittgößten Stadt Russlands. Das heißt, eine vergleichbare Anzahl von Zuschauern hat sich mit dem Thema Tod und Vergebung in der Auffassung von Pia Strietman vertraut gemacht. Im Laufe von nächsten fünf Tagen waren es aber noch einmal etwa 2000 Zuschauer, die sich weitere 14 Filme angeschaut haben, die German Films  und das Goethe-Institut für Russland ausgewählt haben.
          Nach der Vorstellung von „Tage die bleiben“ kamen  die russischen Zuschauer mit Tränen in Augen zu Pia und  drückten  ihr  fest die Hand  oder nickten ihr halt dankend zu. Manche konnten auch auf Deutsch „vielen Dank“ sagen. Pia war beeindruckt von der Offenheit der Nowosibirsker und darüber, wie gut ihr Film angekommen war. Was soll denn das bededuten, dieses Geheimnis von Nowosibirsk? Diese 2000 Zuschauer, die ein Interesse an Deutschland haben? Warum wollten sich diese 350 Nowosibirsker neben "Sky Fall" mit dem coolen Daniel Craig noch diesen -alles andere als unterhaltsamen - Film anschauen? Womit soll ich anfangen, um das zu erklären?

Deutsche Präsenz in Nowosibirsk

             Ist es so, weil wir in Nowosibirsk Lebensmittel bei Metro Cash and Carry einkaufen? Und Haushaltstechnik beim SaturnMarkt? Und Jugendliche gerne Schnäppchen beim New-Yorker machen? Oder ist es das Zusammenspiel von der deutschen Wirtschaft, Kultur- und Bildungsinstitutionen, die in Nowosibirsk  massiv präsent sind? Das Gebiet des Generalkonsulats hier in Nowosibirsk umfasst wohl die größte Fläche auf der ganzen Welt, die ein deutsches Konsulat betreut.
         Über 60 Unternehmen, Mitglieder der deutsch- russischen AHK,  mit  deutschem Kapital bringen  Deutschland auf Platz zwei  der Partnerländer des Gebiets Nowosibirsk. 
         Giganten wie der DAAD, die Robert-Bosch-Stiftung, die Zentralstelle für  das Auslandsschulwesen sorgen dafür, dass immer mehr Jugendliche Deutsch als zweite Fremdsprache wählen, um ihr Studium anschließend in Deutschland fortzusetzen und in Nowosibirsk dann die Brücke zwischen Deutschland und Nowosibirsk weiter zu festigen. Und das nicht nur aus Patriotismus, sondern weil das für viele  eine Chance ist, schon mit etwa 24-25 einen festen Job und tolle Aussichten für die Karriere zu haben. 
         Das Goethe-Institut  hat 2009 ausgerechnet in Nowosibirsk sein drittes in Russland Büro eröffnet, und seit der Zeit kommen immer mehr Projekte in Bereichen Kultur, Kunst, Architektur, Umwelt in Schwung.

Was ist Nowosibirsk





         Warum  ist es ausgerechnet Nowosibirsk, wo sich deutsche und russische Wege so aktiv kreuzen? Ich stelle eine Gegenfrage „wo denn sonst?“. Manche Argumente liegen auf der logischen Ebene: mit 1,5 Millionen Einwohnern ist Nowosibirsk die drittgrößte Stadt Russlands, und als wissenschaftliches, wirtschaftliches und kulturelles Zentrum Sibiriens ist Nowosibirsk die Haupstadt der Westsibirischen Region. 
            Ein Gesichtspunkt, bei dem die Logik nicht weiter hilft, ist, dass sich hier noch vor 120 Jahren  die endlose Taiga ausdehnte und keine Spur vom Leben eines Menschen zu entdecken war. Nichts versprach dem Ort eine glänzende Zukunft.

Bau der Transsib




          Wir, die Russen, neigen durch unsere Sprache und Kultur zum Mystischen. Ich bin da keine Ausnahme, wenn ich auch oft unterstreiche, dass ich eher Sibirierin binm nicht Russin. Sehr viele Umstände forderten, dass die Transsibirischen Eisenbahn gebaut werden sollte, und dass dann eine Brücke über den Ob dafür errichtet werden musste. Rein pragmatische Aufgaben waren das. Bloß bei den Menschen spielen ihre Träume, ihre geistigen Bestrebungen immer mit. Ingenieure, die vor 120 Jahren in Russland mehr als nur Akademiker mit technischer Ausbildung waren, wollten auch weit weg von ihrem gewohnten Komfort ein würdiges Leben führen, und so haben sie vieles in der kleinen Siedlung Alexandrowskoje ins Leben gerufen, was später Nowosibirsk zu Nowosibirsk gemacht hat.
                Es gibt auch im Russischen ein Wort, dessen Stamm „intelligent“ in vielen europäischen Sprachen vorkommt. Nur im Russischen stellt Intellegenzija nicht auf den IQ ab, sondern bezeichnet die Zugehörigkeit zur sozialen Schicht, die eigentlich das geistige Leben um sich herum vorantreibt. Eben diese Schicht sollte gleich nach der Oktober-Revolution von der neuen Macht  vernichtet werden. Sie hat es aber trotzdem geschafft, Wurzeln auch im neuen – sowjetischen -  Land zu schlagen. Unter anderem waren   es Nachkommen von Gründern der Transsib, wenn auch indirekte, nämlich geistige. Letzteres spielt manchmal in Russland eine größere Rolle als  die Blutsbande.

Das Erbe von Leningrad

              Nowosibirsk hat viel von dieser Gesellschaftsschicht mitbekommen. Der Zweite Weltkrieg war dabei eigenartigerweise behilflich. Schon 1941 bestand Nowosibirsk zu 25% aus Leningradern (so hieß damals Sankt-Petersburg), die umgesiedelt worden waren. Es waren Musiker von der Leningrader Philharmonie, Mitarbeiter der berühmten Eremitage und vom Peterhof, die Meisterwerke von diesen Museen nach Sibirien begleitet hatten. 
Im Juli 1941 kam Schostakowitsch nach Nowosibirsk , um seine „Leningrader Symphonie“ aufzuführen. Davor wurde eine Vorlesung über Musik gehalten, zu der 600 Leute gekommen waren. Und das in der schwierigsten Kriegszeit, als die Musik eigentlich  wenig Bezug zum Alltag derer hatte, die nicht an der Front waren, sondern  in den Industriebetrieben "schufteteten", alles für die Front, alles für den Sieg, wie eine der Parolen hieß
             1944 konnten die Leningrader wieder zurück kehren, aber nicht alle haben das getan, weil entweder ihre Wohnungen in Leningrad zerstört oder Familien während der Blokade umgekommen waren. In Nowosibirsk haben sie ihre zweite Heimat gefunden. Diese Menschen, Nachfolger  der  vorrevolutionären russischen Intelligenzija aus Sankt-Petersburg, dieser Wiege der russischen Kultur, sie haben der sibirischen Stadt den Geist ihrer Heimatstadt vererbt. Das war die zweite "Injektion"  vorrevolutionären Geistes der russischen Kultur.

Bau von Akademgorodok




           Die dritte bekam Nowosibirsk 1957, als hervorragende Wissenschaftler nach Nowosibirsk kamen, um Akademgorodok zu errichten, wiederum an einem menschenleeren Ort, 30 km von Nowosibirsk entfernt. Der Bau von Akademgorodok war von seinem geistigen Ursprung her vergleichbar mit dem Bau der Transsib. Wiederum in Sibirien,  von Moskau und Leningrad  weit entfernt, sollte ein großes und für das Land wichtiges Projekt verwirklicht werden.  Es fand sich zunächst ein "verrückter" Wissenschaftler, Michail Lawrentjew , der zwei weitere "Verrückte", die Wissenschaftler Sergej Sobolew   und Sergej Christianowitsch überredete, nach Sibirien zu kommen.  
           Angefangen hat  Akademgorodok mit einem kleinen hölzernen Haus, gebaut für Michail Lawrentjew. Der Mann, (in Kazan geboren, in Moskau ausgebildet und promoviert) der heutzutage Visionär heißen würde, hat die Stadt entworfen, in der das Wichtigste der Wald und die Natur waren, nicht die Bauten. Das Leitprinzip war: kein einziger Baum sollte gefällt werden. Baukräne sollten sich drehen, ohne dabei Bäume zu verletzen. Heute würde man sagen „Grünes Denken“, damals, 1958, nannte man es „verrückt“. 
          Das Leben in Akademgorodok, von Einheimischen   „Akadem“ genannt, war für viele ein Traum, eine Stadt für 65 000 Leute, in der praktisch nur Studenten der Nowosibirker Staatsuniversität, Wissenschaftler aus unterschiedlichen Instituten lebten. Heiß geliebt wurde Akademgorodok nicht nur wegen der schönen Wohnungen im Grünen und wegen der guten Versorgung (was in Nowosibirsk an Lebensmitteln, Kleidung nicht aufzutreiben war, konnten Akademgorodsker problemlos kaufen), sondern wegen der Atmosphäre, ein Kriterium, das in Europa jetzt ein selbstverständlicher Begriff und sogar ein Argument in der Werbung ist,   in der Sowjetunion aber ein Fremdwort war und  im heutigen Russland teilweise immer noch eines ist, das wenig oder kein Gewicht hat. 

Freiheit und moderne Kunst

          Die Atmosphäre in Akademgorodok machten ganz bestimmte Elemente aus, und zwar  konnte man  hier seiner Lieblingsarbeit nachgehen, für die man gutes Geld bekam und für die der Staat alle Bedingungen geschaffen hatte. Und es gab hier einen Luxus, der kaum sonst anderswo in der Sowjetunion zu finden war, das war die Freiheit. Akademgorodok war damals nur der Sowjetischen Akademie der Wissenschaften  unterstellt, nicht aber  den örtlichen Strukturen, nicht einmal die Kommunistische Partei durfte sich hier einmischen. Denn für Moskau war  das Resultat wichtig, dass nämlich strategische Untersuchungen rechtzeitig erledigt werden. Wie frei es in Akademgorodok zuging, kann man daraus ersehen, dass die erste Ausstellung des verbotenen Malers Michail Schemjakin, und Ausstellungen von Robert FalkPawel Filonow    im Kulturhaus der Wissenschaftler stattfanden, ebenso Konzerte von verbotenen Sängern wie Alexander Galitsch und Wladimir Wysotzky. 

Perestrojka als Sintflut

        Es war "cool", aus Akademgorodok zu kommen, an der Nowosibirsker Staatsuniversität zu studieren, an den Instituten dort zu arbeiten. Bis zur Perestrojka, als auf einmal Wissenschaftler weniger verdienten als eine   Firmen-Sekretärin. Die Wissenschaflter aus Akademgorodok packten deshalb ihre Sachen, ihre Erfahrungen und ihr Ansehen und gingen nach Amerika oder Europa. Das war keine Flucht. Noah  war ja auch nicht geflohen, er hatte nur auf seiner Arche   die Sintflut  überstanden. Als die Umstände es zuließen, kehrten Akademgorodoksker zurück, auf ihren angestammten Boden, nicht alle, aber viele.

IT-Branche als Gegenwart und Zukunft von Nowosibirsk

       Heutzutage hat Akademgorodok sein Ansehen zurückgewonnen, allerdings in einem anderen Bereich, in der IT-Branche. Microsoft und Cisco jagen nach klugen Köpfen unter den Studenten der Nowosibirsker Staatsuniversität bereits im ersten Studienjahr, um nicht zu spät zu kommen, denn die IT ist eine heiß begehrte Branche in Nowosibirsk, in der man tolle Arbeit in einem guten Team finden  oder mit 25-27 nach einem Startup  schon Filialen in der ganzen Welt haben kann. Das sind  ganz reale Geschichte wie bei Dubl Gis, CFTAlawar (casual games), PlaytoxMobisters und vielen anderen. 

Nowosibirsk als Projekt der russischen Intelligenzija

       IT ist der Ausdruck unserer Gegenwart, die auf einer glanzvollen  Vergangenheit des sowjetischen Akademgorodok beruht und eine strahlende Zukunft verspricht, ohne große Worte über Kommunismus, Patriotismus oder ein starkes Russland. Nowosibirsk ist im städtebaulichen Sinn keine gewöhnliche Stadt. Es ist eher ein Projekt dreier Generationen der russischen Intelligenzija, das reiche Früchte trägt.  Es ist eine Art "Kirschgarten" von Tschechow, aber nicht abgehozt, sonder nach Sibirien verlegt.
          An Nowosibirsk kann man den Gesundheitszustand Russlands messen, sogar dessen Zukunft vorhersagen. Wir haben hier kein Öl, kein Gas, kein Gold, nichts von dem, was man häufig Russlands Fluch nennt. Wir haben nur uns selber. Und wie geht es uns dabei heutzutage?
     Wir leben halt hier und sind stolz auf uns, unsere Stadt, in der wir unseresgleichen finden können und das nicht nur online, sondern auch offline. Man trifft sich gerne in den unzähligen Cafes, bei sich zu Hause. Man geht ins Kino, Konzerte, Theater, zu Ausstellungen. Man lebt hier ein interessantes, erfülltes, gefühlvolles Leben. Man kann hier europäisch konsumieren, aber auch seiner geistigen Natur nachgehen und etwas schaffen, was bis jetzt noch keiner gemacht hat. Dafür haben drei Generationen der russischen Intelligenzija gesorgt. Deshalb kann ich mich von dieser Stadt nicht trennen, wenn ich auch unheimlich gerne Berlin mag und die deutsche Kultur über Sprache und europäisches Denken aufgesogen habe. Aber ich gehöre hierher, in die Stadt, wo ich an der Zukunft mitgestalten kann.

Das Ende der Welt erleben


          Das mag für einen Europäer komisch klingen, aber es stimmt trotzdem. Die Stadt, die jemand aus Europa für das Ende der Welt halten kann, bietet so viel an, wie zum Beispiel ein Konzert von Denis Mazujew, in dem er am 21.01.2013 im größten Opernhaus Russlands am nagelneuen Steinway  -Flügel spielen wird. Oder Anfang März wird es bei der  „Nacht in der Metro“  ein Konzert der besten Musiker geben, die in der Metro musizieren werden. Jedes Jahr kann man Mitte Januar  Schneeskulpturen bewundern, die während des internationalen  Schneeskulpturen-Festivals geschaffen werden. Daran schließen sich sehenswerte Ausstellungen von Barbara Klemm oder Arno Fischer  an. Nicht zu vergessen ist das Konzert der 12 Cellisten der Berliner Philharmoniker  und  die „Messe“ von Bernstein, sowie das jährliche Festival zeitgenössischer Musik "Sibirische Saisons", dessen Name auf die berühmten "Russischen Saisons" hinweist,   und vieles vieles mehr...
        Bekommt man da nicht das Gefühl, das Ende der Welt ist irgendwo viel weiter weg? Und hier ist die eigentliche Welt, hier darf man sein?

 PS. Ich bedanke mich recht herzlich beim Herrn Kiesl und Herrn Schäfer aus dem Forum der russischen Kultur für Ihre Hilfe mit Tat und Rat bei diesem Bericht. Herr Kiesl, der 1.Vosritzende des Forums der russischen Kultur hat mich gebeten, im "Forum Report 2012"  Nowosibirsk vorzustellen. So ist dieser Text entstanden. Inspiration braucht mal  eine extra Einladung:)))

15.11.12

6 Millionen Menschen in den USA haben auf die IT-Lösung aus Nowosibirsk während der Präsidentenwahlen zurückgegriffen

             Ein Nowosibirsker IT-Unternehmen, EastBanc Technologies, hat auf den Auftrag von PEW eine Cloud-Lösung Polling Place Locator für die Präsidentenwahlen in den USA am 06.11.2012 entwickelt. Amerikanische Wähler konnten ihre Adresse auf Facebook angeben und dadurch hat man die genaue Adresse vom Wahlstandort in der Gegend bekommen und eine Liste von Dokumenten, die man dabei haben muss. Die Los Angeles Times hat diese Lösung eine der nützlichsten Entwicklung auf  Facebook an diesem Tag gennant.
           Tja, kein Wunder eigentlich, dass IT-Leute aus Nowosibirsk auf die Weise etwas zu den Wahlen in den USA beigetragen haben. Die IT-Branche aus Nowosibirsk hat einen sehr guten Ruf in ganz Russland und nicht nur. Microsoft, Cisco jagen hinter klugen Köpfen her, wenn die  an der NSU erst immatrikuliert werden, sonst ist man zu spät, und diese klugen IT-Köpfe werden für die Konkurrenz arbeiten. Die NSU, 1959 gegründet, ist  ein genauso so wichtiges Symbol für Nowosibirsk wie das Opernhaus , wenn auch nicht bedeutender. Nicht jeder in Russland kann wissen, dass das größte Opernhaus Russlands in Nowosibirsk liegt. Aber noch in der Sowjetunion, als man "Nowosibirsk" gehört hatte, konnte dann einer nachfragen "ach ja, Nowosibirsk ist das, was bei Akademgorodok mit der NSU liegt".
          Die NSU ist eines der Kinder vom berühmtesten Akademgorodok, und was sie eigentlich für uns, Nowosibirsker, heisst, kann man an so einem Beispiel erklären, und zwar wir haben in der Stadt etwa 32 Universitäten und Hochschulen insgesamt. Und nur bei einer darf man sagen "ich habe die Uni absolviert", ohne zu nennen, was für eine das war, denn nur die NSU heisst in der Nowosibirsker Umgangssprache "DIE Uni".
           Eben von dieser Uni kam Ende 80-er ein in der ganzen Sowjetunion total populärer Witz "liebe Partei, lass uns auch ans Steuer". Heutzutage wäre das in Sozialnetzwerken zu einem Mem geworden, vielleicht auch schnell vergessen. Da wir damals durch KWN vernentzt waren,  ist dieser Witz bis jetzt in meinem Gedächtnis geblieben, obwohl ich damals etwa 12-13 war. Aber der Witz, auf dem Ersten Kanal (dem ersten von zwei für ganzes Land) übertragen, war so frech, dass man sich auch als Teenager das irgendwie merkt und durch ganzes Leben als Motto mitnimmt.

17.07.12

Das antitouristische Nowosibirsk

Hallo, ich heiße Jelena Stern und ich komme aus Nowosibirsk. Ich bin Sibirierin. Nicht Russin. Warum? Wenn meine Urväter mütterlicherseits aus Polen, Weissrussland und Burjatien, meine Urväter väterlicherseits aus der Ukraine kommen, kann ich dabei Russin sein?
Ich bin in Sibirien geboren und  großgeworden. Mein Herz ist hier, genau in der Mitte des riesengroßen Landes namens Sibirien, in der Stadt, die unverschämt  jung ist, nur 119 Jahre alt. Linden und Platanen in Berlin können über so ein Alter nachsichtig  lachen: „soll das eine Stadt sein?“.  Aber genau das ist Nowosibirsk. Es ist nicht so wichtig für mich, dass es nach Moskau und Sankt-Petersburg die drittgrößte Stadt in Russland ist, dass es als Hauptstadt Sibiriens gilt. Nowosibirsk heißt wörtlich übersetzt  „neues Sibirien“ und eben das fasziniert mich an dieser Stadt.
Nowosibirsk ist neu für Sibirien in dem Sinne, dass es die einzige sibirische Stadt ist, die noch im Zarenrussland nicht als Festung oder  ein Ort zur Zwangsarbeit entstanden ist.  Nowosibirsk ist das erwünschte Kind der berühmten  Transsibirschen Eisenbahn, von Eingeweihten Transsib genannt. Es ist die Stadt, die wegen der  Brücke und um die Brücke herum an der Transsib gebaut worden ist,  und dieser Geist der Brücke bestimmt den Lebensweg und den Charakter von Nowosibirsk. Nowosibirsk ist sachlich, pragmatisch, aber auch gleichzeitig romantisch, und das wiederspricht sich ganz und gar nicht. Wieso denn nicht? Die Stadt, deren Geburt durch eine rein pragmatische Funktion bestimmt worden ist, kann und soll nicht unpragmatisch sein. Aber der Geist von Leuten, die für Entstehung der Transsib gesorgt haben, konnte auch nicht unromantisch sein, denn etwas Wertvolles, Richtiges und absolut Neues für sein Land  und sein Nachkommen zu schaffen, dabei auf den Komfort des alten gewohnten Lebens zu verzichten und in die Taiga zu fahren, das läuft  irgendwo an der Grenze von Wahnsinn und Romantik.
Momentan mache ich Urlaub auf der Krim, in einer alten kleinen tatarischen Stadt Alupka. Wir leben hier einen Katzensprung von Woronzowsky Park und Woronzowsky Schloss entfernt. Jeden Tag stoßen wir auf dem Weg zum Meer und zurück auf Touristenscharen. Touristen aus Amerika, Deutschland, Russland, aus der Ukraine kommen nach Alupka, um diesen wunderschönen Park zu besichtigen, an deren Gründung 40 Jahre lang ein deutscher Gärtner gearbeitet hat. Das atemberaubend schöne Woronzowsky Schloss  wiederholt so fein die Umrisse vom Berg Ai-Petri. Der Park und das Schloss sind echte Meisterwerke. Aber  einmal, nach der vierten riesengroßen Touristengruppe, durch die wir uns mit Mühe durchgeschlängelt haben, fragt  mich mein fünfjähriger Sohn, warum denn wir in Nowosibirsk keine Touristen haben.  Ich wusste nicht gleich, was zu antworten ist, und deshalb habe ich ihn gefragt, ob er das gut oder schlecht findet. Der hat sich ein paar Sekunden überlegt und gesagt, dass so viele Touristen einen auf seinem Weg stören.
Nowosibirsk hat keine architektonischen Meisterwerke, die Touristen faszinieren. Das Gesicht der Stadt ist sachlich, nicht mal berühmte russische Holzarchitektur ist hier zu bewundern. Einige weniger  Häuser  im Stadtzentrum zählen nicht, denn sie bestimmen nicht  die Gestaltung der Stadt. Eher erinnern sie uns daran, was Nowosibirsk   in seiner Vergangenheit  war, die eigentlich keine ist, denn 119 Jahre für eine Stadt sind immer noch Gegenwart.
Die Architektur von Nowosibirsk kann also einem  nicht den Atem berauben, wie es  in Sankt-Petersburg der Fall ist. Und auf dem Lenin-Platz  laufen nicht als Lenin und Stalin verkleidete Schauspieler, wie es oft auf dem Roten Platz in Moskau zu sehen ist. So was Kitschiges anzubieten wäre für Sibirier peinlich. Was können wir aber anbieten, damit einem das Herz dahin schmilzt, wenn es „Nowosibirsk“ hört? Meine Antwort wäre eine ganz einfache: Menschen sind unser Schatz, aber unser großer Schatz, nicht Öl oder Gas, denn eben Menschen, die den Grundstein einer Stadt legen, sind  etwas, ja sogar sehr viel,  wert. Und wir, Nowosibirsker, sind immer noch am Ursprung unserer Geschichte.
Ich bin mir absolut sicher, dass Begegnungen mit Menschen einem bereichern,  nicht  Dividenden, Rendite und Renten von Bodenschätzen. Menschen in Sibirien sind selbst für Russland was besonderes, denn bei so einem rohen Klima, unter harten Umständen  zu leben und Mensch zu bleiben, ist eine Heldentat, die man jeden Tag begeht, ohne es an die große Glocke zu hängen . Wir machen uns eigentlich keine Gedanken darüber, dass wir eine Art Helden sind. Wir leben unser Leben und freuen uns auf Begegnungen mit neuen Leuten.
Wie sieht es aber mit Touristen aus? Ehrlich gesagt,  mag ich keine Touristen. Ich bin selber nicht gerne eine Touristin. Touristen zu sein riecht nach Leichtsinnigkeit, Wegwerfmentalität. Leute, die ständig mit der Kamera knipsen, aus dem Bus – oder Zugfenster ein Land kennen lernen wollen, kommen bei einem Sibirier nicht gut an. Das heißt  ja aber nicht, dass Touristen einen schlechten Service bekommen. Das nicht! Ein Double Tree by Hilton bleibt auch in Nowosbirsk ein DoubleTree by Hilton. Viele Cafes bieten neben Wi-Fi  russische, europäische, chinesische, japanische, georgische Küche an. Unser Opernhaus mit 2 500 Sitzplätzen wirft einen schon alleine mit seiner Größe um. Und prachtvolle Innengestaltung unseres Hauptbahnhofs  kann einem Europäer den Atem rauben, der gewohnt ist, einen Bahnhof als Ort zur An- und Abreise zu sehen. Sicher wird ein Reiseführer einer Touristengruppe aus 40-50 Leuten den auswendig gelernten Text über die Stadt am Ob erzählen. Aber das Wesentliche bleibt für  einen Touristen für immer ein Geheimnis, und zwar die Seele der Stadt. Die Seele der Stadt bekommt man nicht zu spüren, in dem man  aus einem Bus in den anderen  springt oder  schnell durch die Stadt läuft.  Besonders die Seele von Nowosibirsk, der Stadt mit vielen Plattenbaugebäuden,  bleibt für einen Touristen grau. Das ist der Trick der Stadt, den sie benutzt, um leben zu können, ohne dass sie dabei Touristenscharen stören.
 Hinter grauen Fassaden herrscht das Leben, das  eher nach innen als nach außen gerichtet ist, denn draußen kann der Winter 5 Monate lang dauern, und das soll nicht heißen, dass das Leben eingefroren werden muss, das Leben eines modernen Menschen mit all seinen Bedürfnissen.  Wenn Sie es schaffen, die Schwelle eines Büros, eines Theaters, einer Gemäldegalerie oder einer Wohnung nicht als Tourist, sondern als Gast zu betreten, bleiben Sie für immer in Sibirien, in Nowosibirsk verliebt.  Gäste werden beim  obligatorischen Teetrinken schnell zu Freunden, denn Tee erwärmt den Körper und Gespräche dabei erwärmen das Herz.  Viele Deutsche, die in Nowosibirsk waren, und nicht als Touristen, sondern zum Arbeiten oder zum Studium, erinnern sich nicht an das Opernhaus, wenn es auch das größte in Russland ist, sondern an Bekanntschaften und Freundschaften. Unsere wahre Gastfreundschaft  gilt für Freunde. Und den Touristen bietet man einen guten Service an. Das ist jetzt Ihre Wahl, ob Sie nach Nowosibirsk kommen und wenn schon, dann als Tourist oder Gast. Auf jeden Fall freuen wir uns auf alle Begegnungen.
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