In meinem Blog möchte ich über Sibirien erzählen. Aber nur über „neues Sibirien“, denn meine Heimatstadt heißt Nowosibirsk, wörtlich übersetzt „neues Sibirien“. Es ist 1893 wegen der Brücke über den Ob entstanden, während des Baus der Transsib. Und diese neue Stadt hat genauso so viel am Leben Sibiriens verändert, wie sehr die Transsib das Leben Russlands verändert hat.
Auf Fragen von Sibirien-Fans würde ich mich freuen. Wenn Sie meine Texte weiterverlinken, so bitte geben Sie die Quelle an.
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Nowosibirsk ist nicht als Nowosibirsk geboren. Den Namen, der im Russischen so dynamisch klingt, hat der Ort erst 1926 bekommen, statt Nowonikolajewsk. Der alte Name wies auf den damaligen Zaren hin, Nikolaj den Zweiten. Im neuen - sowjetischen -Russland sollte diese Spur völlig verschwinden, und so kam neues Sibirien auf die Karte Russlands. Und plötzlich wuchs die Stadt. Rasant. Von 120 000 Einwohner im Jahre 1926 auf 404 000 im Jahre 1939. Hat denn der neue Name so sehr die Stadr beeinflußt? Ich weiß, was für Tricks Russisch spielen kann. Ein neues Wort ist imstande, total das ganze Leben zu verändern. Das hat sich der Ort irgendwie gemerkt. Und so kamen auf die Welt Akademgorodok, das Totalny Diktant, und die Monstration. Das sind Wörter, die Nowosibirsk der russischesprachigen Welt geschenkt hat. Die letzten zwei schon im neuen Russland, das die Sowjetunion abgelöst hat.
Heute hat Nowosibirsk zum 10. Mal monstriert. Die erste Monstration hat am 01.05. 2004 stattgefunden, wobei etwa 80 Teilnehmer neben der offizielen Demonstration (eine noch von der sowjetischen Zeiten übernommene Tradition, als der Tag des Schaffens gefeiert wurde) ihr eigenes Happening organisiert haben. Dieses lehnte sich wiederum an die Veranstaltung "Stjobiusband", organisiert 1995 von Nowosibirsker Künstlern. Der Name war auch ein schönes Wortspiel, einerseits ist es der Hinweis auf das Möbiusband und andererseits steckt da das russische Wort "Stjob", was für Witz und Spott steht. Die Teilnehmer hielten absurde und lusitge Parolen hoch, wie z.B. "in vino veritas, aber die Wahrheit an sich ist in der Wodka".
Diese Veranstaltung "Stjobiusband" aus 1995 lehnte sich an Demonstrationen aus den 20-ern, als gleich nach der sozialistischen Revolution avantgardistische Künstler wie Dichter Majakowsky, Burljuk, Bely noch Freiheit hatten, geistige wie intellektuelle und physische. Man hatte damals noch geglaubt, dass eine helle Zukunft auf weitere Generationen zukommt. Bis zu Stalinssäuberungen waren noch etwa 15 Jahre. Da nahm das Schicksal des ganzen Landes schon eine Kurve, der es nicht mehr zu entgehen war. Aber in den 20-ern ist der Geist der Freiheit und der Befreiung noch da. Wie 1995 in Nowosibirsk. Die Künstler hatte sogar der damalige Gouverneur Iwan Indinok begrüßt. Es stand dabei auf der Treppe des Nowosibirsker Regierungsgebäudes, das lustigerweise der Gemäldegaleire gegenüber liegt. Gerade fand das "Stjobiusband" seine Fortsetzung, wobei Dichter dichteten, Maler zum Gedichteten malten und Musiker Musik zum Gedichteten und Gemalten spielten. Es ging lustig zu, kein Hauch von Verboten und Missbilligung seitens der Regierung. Eine goldene Zeit im Nachhinein.
Also diese Traditionen aus den 20-er und 1995, beides Ausdrucksmöglichkeiten der russischen Intelligenzija, führten zur Monstration 2004. Es kamen wieder lusitge absurde Parole. Aber nicht mehr, weil wir viel Freiheit hatten oder uns von der Vergangenheit trennen wollten. Organisiert die Monstration hatten nun sehr junge Leute, unter 30. Die Gesellschaft war zu der Zeit apolitisch geworden. Und was in der Politik los war, das war absurd. Man lacht manchmal um nicht zu weinen.
Die Monstration war gedacht als eine künstlerische Aktion, wenn Teilnehmer ihre Parolen in der Hand sprechen lassen. Der Name ist von "Demonstration" abgeleitet, aber da das Präfix "de" eine dekonstruktive Bedeutung hat, wurde darauf verzichtet. Parolen waren eigentlich auf den ersten Blick apolitisch. Aber wer unter den Zeilen lesen kann, der versteht schon was. Und lacht. Meine Lieblingsparolen stammen aus dem vorigen Jahr, als im Land plötzlich Proteste kamen, nach den Wahlen in die Duma, nach dem Schachspiel mit dem neuen alten Präsidenten. Das sind die: "Мы - это вы. Только лучше" - "Wir seid ihr. Bloß besser" (ein Gespräch von jungen Leuten mit den älteren Generationen, die an der Macht sind), "не учите нас жить, иначе мы научим вас" -"Lehren Sie uns nicht zu leben, sonst lehren wir Sie", "Sie stellen uns nicht mal vor" (eine Anspielung auf die Resultate der Wahlen in die Duma, wobei die Abgeordneten praktisch die Wähler nicht vorgestellt hatten, da bei Stimmenauszählung viele Tricks eingesetzt worden waren. Und wie der Satz im Russischen gebaut war - "Вы нас даже не представляете" - das konnte man gleichzeitig verstehen als "Sie stellen sich nicht mal vor, wie wir sind"). Ich genieße richtig diese tollen Spiele mit der Sprache.
Da diese künstlerische Aktion sehr frisch, aussagekräftig war, fand sie Fans in weiteren Städten Russlands und ehemaligen GUS-Ländern. Die Monstration wie auch das Totalny Diktant hat die Grenzen von Nowosibirsk und Russland überschritten. 2011 wurde sie vom Staatlichen Zentrum für moderne Kunst (Moskau) mit dem Preis für die Innovation in der Kunst ausgezeichnet. 2013 sollen alleine in Nowosibirsk etwa 3 500 Leute mitgemacht haben.
Bloß wird es von Jahr zu Jahr schwieriger. Schrauben werden langsam aufgedreht. Auch das Absurde kommt verdächtig vor. Wenn die städtische Regierung nicht so aktiv dagegen gewesen wäre, wäre vielleicht die Monstration nicht so populär geworden. Artjom Loskutow, der Organisator, sollte sich schon viel einfallen lassen, damit die Monstration doch stattfindet. Legal. Eben auf die Legalität wird viel Wert gelegt. Ich habe ab Anfang April mit Interesse die Geschichte mit "Genehmigung" und "Verbot" verfolgt. Nicht nur ich. Das hätte eine Art Vorfreude auf das Fest sein können, wenn es nicht so traurig gewesen wäre. Man weiß wirklich nicht, wie zu reagieren, wenn man zum Beispiel liest, dass in Krasnojarsk die Monstration unter der Bedingung genehmigt wird, wenn Parolen nicht absurd sind. Und das bei einem Fest der Asburde!
Doch hat die 10.Monstration stattgefunden. Die Hauptparole war "вперед к темному прошлому!" was im Deutschen "Vorwärts zur dunklen Vergangenheit!" heißt (ein Gegensatz zur Folskel aus der sowjetischen Zeit "вперед к светлому будущему", also "vorwärts zur hellen Zukunft!")
Hier sind die Fotos
Eine 34-jährige „einfache Münsteranerin“ hat Ende November
2012 ihren ersten langen Film „Tage die bleiben“ in Nowosibirsk vorgestellt. Mit ihm hat die Regisseurin Pia Strietman das 5. Festival des deutschen Films eröffnet. Zum langerwarteten Beginn des beliebten Festivals waren etwa 350
Leute gekommen, die Tickets im Voraus besorgt hatten, denn in den 5 Jahren, seitdem das Festival in Nowosibirsk präsent ist, musste man erfahren, dass sonst Tickets nicht zu
bekommen sind.
In Deutschland war dieser Film bisher kaum in den Kinos zu sehen.
Nur etwa 10 000 deutsche Zuschauer haben sich den Film angeschaut. Das
sind viel weniger als 1% der gesamten Bevölkerung Deutschlands. 350 Nowosibirsker sind auch viel weniger als 1% von den 1
500 000 Einwohnern der drittgößten Stadt Russlands. Das heißt, eine vergleichbare
Anzahl von Zuschauern hat sich mit dem Thema Tod und Vergebung in der Auffassung von Pia
Strietman vertraut gemacht. Im Laufe von nächsten fünf Tagen waren es aber noch einmal etwa
2000 Zuschauer, die sich weitere 14 Filme angeschaut haben, die German Films und das Goethe-Institut für Russland ausgewählt haben.
Nach der Vorstellung von „Tage die bleiben“ kamen die russischen Zuschauer
mit Tränen in Augen zu Pia und drückten ihr fest die Hand oder nickten ihr halt
dankend zu. Manche konnten auch auf Deutsch „vielen Dank“ sagen. Pia war beeindruckt von der Offenheit der Nowosibirsker und darüber, wie gut ihr Film angekommen war. Was
soll denn das bededuten, dieses Geheimnis von Nowosibirsk? Diese 2000 Zuschauer, die ein Interesse an Deutschland haben? Warum wollten sich
diese 350 Nowosibirsker neben "Sky Fall" mit dem coolen Daniel Craig noch diesen -alles
andere als unterhaltsamen - Film anschauen? Womit soll ich anfangen, um das zu
erklären?
Deutsche Präsenz in Nowosibirsk
Ist es so, weil wir in Nowosibirsk Lebensmittel bei Metro
Cash and Carry einkaufen? Und Haushaltstechnik beim SaturnMarkt? Und Jugendliche gerne
Schnäppchen beim New-Yorker machen? Oder ist es das Zusammenspiel von der
deutschen Wirtschaft, Kultur- und Bildungsinstitutionen, die in Nowosibirsk massiv präsent sind? Das Gebiet des Generalkonsulats hier in Nowosibirsk umfasst wohl die größte Fläche auf der ganzen Welt, die ein deutsches Konsulat betreut.
Über 60 Unternehmen, Mitglieder der deutsch- russischen AHK, mit deutschem Kapital bringen Deutschland auf Platz zwei der Partnerländer des Gebiets Nowosibirsk.
Giganten wie der DAAD, die Robert-Bosch-Stiftung, die Zentralstelle für das Auslandsschulwesen sorgen dafür,
dass immer mehr Jugendliche Deutsch als zweite Fremdsprache wählen, um ihr
Studium anschließend in Deutschland fortzusetzen und in Nowosibirsk dann die Brücke zwischen
Deutschland und Nowosibirsk weiter zu festigen. Und das nicht nur aus Patriotismus,
sondern weil das für viele eine Chance ist, schon mit etwa 24-25 einen festen
Job und tolle Aussichten für die Karriere zu haben.
Das Goethe-Institut hat 2009 ausgerechnet in Nowosibirsk sein drittes in Russland Büro eröffnet, und
seit der Zeit kommen immer mehr Projekte in Bereichen Kultur, Kunst, Architektur, Umwelt
in Schwung.
Was ist Nowosibirsk
Warum ist es ausgerechnet Nowosibirsk, wo sich
deutsche und russische Wege so aktiv kreuzen? Ich stelle eine
Gegenfrage „wo denn sonst?“. Manche Argumente liegen
auf der logischen Ebene: mit 1,5 Millionen Einwohnern ist Nowosibirsk die
drittgrößte Stadt Russlands, und als wissenschaftliches, wirtschaftliches und
kulturelles Zentrum Sibiriens ist Nowosibirsk die Haupstadt der Westsibirischen
Region.
Ein Gesichtspunkt, bei dem die Logik nicht weiter hilft, ist, dass sich hier noch vor 120 Jahren die endlose Taiga ausdehnte und keine Spur vom Leben eines Menschen zu entdecken war. Nichts versprach dem Ort eine glänzende Zukunft.
Bau der Transsib
Wir, die Russen, neigen durch unsere Sprache und Kultur zum Mystischen. Ich bin da keine Ausnahme, wenn ich auch oft unterstreiche,
dass ich eher Sibirierin binm nicht Russin. Sehr viele Umstände forderten, dass die
Transsibirischen Eisenbahn gebaut werden sollte, und dass dann eine Brücke über den Ob dafür errichtet werden musste. Rein pragmatische Aufgaben waren das. Bloß bei den Menschen
spielen ihre Träume, ihre geistigen Bestrebungen immer mit. Ingenieure,
die vor 120 Jahren in Russland mehr als nur Akademiker mit technischer
Ausbildung waren, wollten auch weit weg von ihrem gewohnten Komfort ein
würdiges Leben führen, und so haben sie vieles in der kleinen Siedlung
Alexandrowskoje ins Leben gerufen, was später Nowosibirsk zu Nowosibirsk
gemacht hat.
Es gibt auch im Russischen ein Wort, dessen Stamm
„intelligent“ in vielen europäischen Sprachen vorkommt. Nur im Russischen
stellt Intellegenzija nicht auf den IQ ab, sondern bezeichnet die Zugehörigkeit zur sozialen
Schicht, die eigentlich das geistige Leben um sich herum vorantreibt. Eben
diese Schicht sollte gleich nach der Oktober-Revolution von der neuen Macht vernichtet werden. Sie hat es aber trotzdem geschafft, Wurzeln auch im neuen –
sowjetischen - Land zu schlagen. Unter anderem waren es Nachkommen von Gründern der Transsib, wenn auch indirekte, nämlich geistige. Letzteres spielt manchmal in Russland eine größere Rolle als die Blutsbande.
Das Erbe von Leningrad
Nowosibirsk hat viel
von dieser Gesellschaftsschicht mitbekommen. Der Zweite Weltkrieg war dabei eigenartigerweise behilflich. Schon
1941 bestand Nowosibirsk zu 25% aus Leningradern (so hieß damals
Sankt-Petersburg), die umgesiedelt worden waren. Es waren Musiker von der
Leningrader Philharmonie, Mitarbeiter der berühmten Eremitage und vom Peterhof, die Meisterwerke von diesen Museen nach Sibirien begleitet hatten.
Im Juli 1941 kam Schostakowitsch nach Nowosibirsk , um seine „Leningrader Symphonie“
aufzuführen. Davor wurde eine Vorlesung über Musik gehalten, zu der
600 Leute gekommen waren. Und das in der schwierigsten Kriegszeit, als die Musik eigentlich wenig Bezug zum Alltag derer hatte, die nicht an der Front waren, sondern in den Industriebetrieben "schufteteten", alles für die Front, alles für den Sieg, wie eine der Parolen hieß.
1944
konnten die Leningrader wieder zurück kehren, aber nicht alle haben das getan, weil
entweder ihre Wohnungen in Leningrad zerstört oder Familien während der Blokade
umgekommen waren. In Nowosibirsk haben sie ihre zweite Heimat gefunden. Diese
Menschen, Nachfolger dervorrevolutionären russischen Intelligenzija aus Sankt-Petersburg, dieser Wiege der russischen Kultur, sie
haben der sibirischen Stadt den Geist ihrer Heimatstadt vererbt. Das war die
zweite "Injektion" vorrevolutionären Geistes der russischen Kultur.
Bau von Akademgorodok
Die dritte bekam Nowosibirsk 1957, als hervorragende Wissenschaftler nach Nowosibirsk kamen, um Akademgorodok zu errichten,
wiederum an einem menschenleeren Ort, 30 km von Nowosibirsk entfernt. Der Bau von
Akademgorodok war von seinem geistigen Ursprung her vergleichbar mit dem Bau der Transsib. Wiederum in Sibirien, von Moskau und Leningrad weit entfernt, sollte ein großes und für das Land wichtiges Projekt verwirklicht werden. Es fand sich zunächst ein "verrückter" Wissenschaftler, Michail Lawrentjew, der zwei weitere "Verrückte", die Wissenschaftler Sergej Sobolew und Sergej Christianowitsch überredete,
nach Sibirien zu kommen.
Angefangen
hat Akademgorodok mit einem kleinen
hölzernen Haus, gebaut für Michail Lawrentjew. Der Mann, (in Kazan geboren, in
Moskau ausgebildet und promoviert) der heutzutage Visionär heißen würde, hat die
Stadt entworfen, in der das Wichtigste der Wald und die Natur waren, nicht die Bauten. Das
Leitprinzip war: kein einziger Baum sollte gefällt werden. Baukräne sollten
sich drehen, ohne dabei Bäume zu verletzen. Heute würde man sagen „Grünes Denken“, damals, 1958, nannte man es „verrückt“.
Das Leben in Akademgorodok, von Einheimischen „Akadem“ genannt, war für viele ein Traum, eine Stadt für 65 000 Leute, in der
praktisch nur Studenten der Nowosibirker Staatsuniversität, Wissenschaftler aus
unterschiedlichen Instituten lebten. Heiß geliebt wurde Akademgorodok
nicht nur wegen der schönen Wohnungen im Grünen und wegen der guten Versorgung (was in
Nowosibirsk an Lebensmitteln, Kleidung nicht aufzutreiben war, konnten
Akademgorodsker problemlos kaufen), sondern wegen der Atmosphäre, ein Kriterium, das
in Europa jetzt ein selbstverständlicher Begriff und sogar ein Argument in der
Werbung ist, in der Sowjetunion aber ein Fremdwort war und im
heutigen Russland teilweise immer noch eines ist, das wenig oder kein Gewicht hat.
Freiheit und moderne Kunst
Die
Atmosphäre in Akademgorodok machten ganz bestimmte Elemente aus, und
zwar konnte man hier seiner
Lieblingsarbeit nachgehen, für die man gutes Geld bekam und für die der
Staat alle Bedingungen geschaffen hatte. Und es gab hier einen Luxus, der kaum
sonst anderswo in der Sowjetunion zu finden war, das war die Freiheit.
Akademgorodok war damals nur der Sowjetischen Akademie der Wissenschaften unterstellt, nicht aber den örtlichen
Strukturen, nicht einmal die Kommunistische Partei durfte sich hier einmischen.
Denn für Moskau war das Resultat wichtig, dass nämlich strategische Untersuchungen
rechtzeitig erledigt werden. Wie frei es in Akademgorodok zuging, kann
man daraus ersehen, dass die erste Ausstellung des verbotenen Malers Michail Schemjakin, und Ausstellungen von Robert Falk, Pawel Filonow im Kulturhaus der Wissenschaftler
stattfanden, ebenso Konzerte von verbotenen Sängern wie Alexander
Galitsch und Wladimir Wysotzky.
Perestrojka als Sintflut
Es war "cool", aus Akademgorodok zu kommen,
an der Nowosibirsker Staatsuniversität zu studieren, an den Instituten dort zu
arbeiten. Bis zur Perestrojka, als auf einmal Wissenschaftler weniger verdienten als
eine Firmen-Sekretärin. Die Wissenschaflter aus
Akademgorodok packten deshalb ihre Sachen, ihre Erfahrungen und ihr Ansehen und gingen nach
Amerika oder Europa. Das war keine Flucht. Noah war ja auch nicht geflohen, er hatte nur auf
seiner Arche die Sintflut
überstanden. Als die Umstände es zuließen, kehrten Akademgorodoksker
zurück, auf ihren angestammten Boden, nicht alle, aber viele. IT-Branche als Gegenwart und Zukunft von Nowosibirsk
Heutzutage hat Akademgorodok sein Ansehen zurückgewonnen,
allerdings in einem anderen Bereich, in der IT-Branche. Microsoft und Cisco jagen
nach klugen Köpfen unter den Studenten der Nowosibirsker Staatsuniversität bereits im ersten Studienjahr, um nicht zu spät zu kommen, denn die IT ist eine heiß begehrte Branche in Nowosibirsk, in der man tolle Arbeit in einem guten Team finden oder mit 25-27 nach einem
Startup schon Filialen in der ganzen
Welt haben kann. Das sind ganz reale Geschichte wie bei Dubl Gis, CFT, Alawar (casual games), Playtox, Mobisters und vielen anderen. Nowosibirsk als Projekt der russischen Intelligenzija IT ist der Ausdruck unserer Gegenwart, die auf einer glanzvollen Vergangenheit des sowjetischen Akademgorodok beruht und eine
strahlende Zukunft verspricht, ohne große Worte über Kommunismus, Patriotismus oder ein starkes Russland. Nowosibirsk ist im städtebaulichen Sinn keine gewöhnliche Stadt. Es ist eher ein Projekt dreier Generationen der russischen Intelligenzija, das reiche Früchte trägt. Es ist eine Art "Kirschgarten" von Tschechow, aber nicht abgehozt, sonder nach Sibirien verlegt. An Nowosibirsk kann man den Gesundheitszustand Russlands messen, sogar dessen Zukunft vorhersagen. Wir haben hier kein Öl, kein Gas, kein Gold, nichts von dem, was man häufig Russlands Fluch nennt. Wir haben nur uns selber. Und wie geht es uns dabei heutzutage? Wir leben halt hier und sind stolz auf uns, unsere Stadt, in
der wir unseresgleichen finden können und das nicht nur online, sondern auch
offline. Man trifft sich gerne in den unzähligen Cafes, bei sich zu Hause. Man geht
ins Kino, Konzerte, Theater, zu Ausstellungen. Man lebt hier ein interessantes,
erfülltes, gefühlvolles Leben. Man kann hier europäisch konsumieren, aber auch seiner
geistigen Natur nachgehen und etwas schaffen, was bis jetzt noch keiner gemacht
hat. Dafür haben drei Generationen der russischen Intelligenzija gesorgt.
Deshalb kann ich mich von dieser Stadt nicht trennen, wenn ich auch unheimlich
gerne Berlin mag und die deutsche Kultur über Sprache und europäisches Denken aufgesogen habe. Aber ich gehöre hierher, in die Stadt, wo ich an der Zukunft mitgestalten
kann. Das Ende der Welt erleben
Das mag für einen Europäer komisch klingen, aber es
stimmt trotzdem. Die Stadt, die jemand aus Europa für das Ende der Welt halten kann,
bietet so viel an, wie zum Beispiel ein Konzert von Denis Mazujew, in dem er am 21.01.2013 im
größten Opernhaus Russlands am nagelneuen Steinway -Flügel spielen wird. Oder Anfang März wird es bei der „Nacht in der Metro“ ein Konzert der besten Musiker geben, die in der Metro musizieren werden. Jedes Jahrkann man Mitte Januar Schneeskulpturen bewundern, die während des internationalen Schneeskulpturen-Festivals geschaffen werden. Daran schließen sich sehenswerte Ausstellungen von Barbara Klemm oder Arno Fischer an. Nicht zu vergessen ist das Konzert der 12 Cellisten der Berliner
Philharmoniker und die „Messe“ von Bernstein, sowie das jährliche Festival zeitgenössischer Musik "Sibirische Saisons", dessen Name auf die berühmten "Russischen Saisons" hinweist, und vieles vieles mehr... Bekommt man da nicht das Gefühl, das Ende der Welt ist irgendwo viel weiter weg? Und hier ist die eigentliche Welt, hier darf man sein?
PS. Ich bedanke mich recht herzlich beim Herrn Kiesl und Herrn Schäfer aus dem Forum der russischen Kultur für Ihre Hilfe mit Tat und Rat bei diesem Bericht. Herr Kiesl, der 1.Vosritzende des Forums der russischen Kultur hat mich gebeten, im "Forum Report 2012" Nowosibirsk vorzustellen. So ist dieser Text entstanden. Inspiration braucht mal eine extra Einladung:)))
Ein Nowosibirsker IT-Unternehmen, EastBanc Technologies, hat auf den Auftrag von PEW eine Cloud-Lösung Polling Place Locator für die Präsidentenwahlen in den USA am 06.11.2012 entwickelt. Amerikanische Wähler konnten ihre Adresse auf Facebook angeben und dadurch hat man die genaue Adresse vom Wahlstandort in der Gegend bekommen und eine Liste von Dokumenten, die man dabei haben muss. Die Los Angeles Times hat diese Lösung eine der nützlichsten Entwicklung auf Facebook an diesem Tag gennant.
Tja, kein Wunder eigentlich, dass IT-Leute aus Nowosibirsk auf die Weise etwas zu den Wahlen in den USA beigetragen haben. Die IT-Branche aus Nowosibirsk hat einen sehr guten Ruf in ganz Russland und nicht nur. Microsoft, Cisco jagen hinter klugen Köpfen her, wenn die an der NSU erst immatrikuliert werden, sonst ist man zu spät, und diese klugen IT-Köpfe werden für die Konkurrenz arbeiten. Die NSU, 1959 gegründet, ist ein genauso so wichtiges Symbol für Nowosibirsk wie das Opernhaus , wenn auch nicht bedeutender. Nicht jeder in Russland kann wissen, dass das größte Opernhaus Russlands in Nowosibirsk liegt. Aber noch in der Sowjetunion, als man "Nowosibirsk" gehört hatte, konnte dann einer nachfragen "ach ja, Nowosibirsk ist das, was bei Akademgorodok mit der NSU liegt".
Die NSU ist eines der Kinder vom berühmtesten Akademgorodok, und was sie eigentlich für uns, Nowosibirsker, heisst, kann man an so einem Beispiel erklären, und zwar wir haben in der Stadt etwa 32 Universitäten und Hochschulen insgesamt. Und nur bei einer darf man sagen "ich habe die Uni absolviert", ohne zu nennen, was für eine das war, denn nur die NSU heisst in der Nowosibirsker Umgangssprache "DIE Uni".
Eben von dieser Uni kam Ende 80-er ein in der ganzen Sowjetunion total populärer Witz "liebe Partei, lass uns auch ans Steuer". Heutzutage wäre das in Sozialnetzwerken zu einem Mem geworden, vielleicht auch schnell vergessen. Da wir damals durch KWN vernentzt waren, ist dieser Witz bis jetzt in meinem Gedächtnis geblieben, obwohl ich damals etwa 12-13 war. Aber der Witz, auf dem Ersten Kanal (dem ersten von zwei für ganzes Land) übertragen, war so frech, dass man sich auch als Teenager das irgendwie merkt und durch ganzes Leben als Motto mitnimmt.
Hallo, ich heiße Jelena Stern und ich komme aus Nowosibirsk. Ich bin
Sibirierin. Nicht Russin. Warum? Wenn meine Urväter mütterlicherseits aus Polen,
Weissrussland und Burjatien, meine Urväter väterlicherseits aus der Ukraine
kommen, kann ich dabei Russin sein?
Ich bin in Sibirien geboren und großgeworden. Mein Herz ist hier, genau in der
Mitte des riesengroßen Landes namens Sibirien, in der Stadt, die
unverschämt jung ist, nur 119 Jahre alt.
Linden und Platanen in Berlin können über so ein Alter nachsichtig lachen: „soll das eine Stadt sein?“. Aber genau das ist Nowosibirsk. Es ist nicht so
wichtig für mich, dass es nach Moskau und Sankt-Petersburg die drittgrößte
Stadt in Russland ist, dass es als Hauptstadt Sibiriens gilt. Nowosibirsk heißt
wörtlich übersetzt „neues Sibirien“ und
eben das fasziniert mich an dieser Stadt.
Nowosibirsk ist neu für Sibirien in dem Sinne, dass es die einzige
sibirische Stadt ist, die noch im Zarenrussland nicht als Festung oder ein Ort zur Zwangsarbeit entstanden ist. Nowosibirsk ist das erwünschte Kind der
berühmten Transsibirschen Eisenbahn, von Eingeweihten Transsib genannt. Es ist die Stadt, die wegen der Brücke und um die Brücke herum an der
Transsib gebaut worden ist, und dieser
Geist der Brücke bestimmt den Lebensweg und den Charakter von Nowosibirsk.
Nowosibirsk ist sachlich, pragmatisch, aber auch gleichzeitig romantisch, und
das wiederspricht sich ganz und gar nicht. Wieso denn nicht? Die Stadt, deren
Geburt durch eine rein pragmatische Funktion bestimmt worden ist, kann und soll
nicht unpragmatisch sein. Aber der Geist von Leuten, die für Entstehung der
Transsib gesorgt haben, konnte auch nicht unromantisch sein, denn etwas Wertvolles,
Richtiges und absolut Neues für sein Land und sein Nachkommen zu schaffen, dabei auf den
Komfort des alten gewohnten Lebens zu verzichten und in die Taiga zu fahren,
das läuft irgendwo an der Grenze von Wahnsinn
und Romantik.
Momentan mache ich Urlaub auf der Krim, in einer alten kleinen tatarischen Stadt
Alupka. Wir leben hier einen Katzensprung von Woronzowsky Park und Woronzowsky
Schloss entfernt. Jeden Tag stoßen wir auf dem Weg zum Meer und zurück auf
Touristenscharen. Touristen aus Amerika, Deutschland, Russland, aus der Ukraine
kommen nach Alupka, um diesen wunderschönen Park zu besichtigen, an deren
Gründung 40 Jahre lang ein deutscher Gärtner gearbeitet hat. Das atemberaubend
schöne Woronzowsky Schloss wiederholt so
fein die Umrisse vom Berg Ai-Petri. Der Park und das Schloss sind echte Meisterwerke.
Aber einmal, nach der vierten riesengroßen
Touristengruppe, durch die wir uns mit Mühe durchgeschlängelt haben, fragt mich mein fünfjähriger Sohn, warum denn wir
in Nowosibirsk keine Touristen haben. Ich
wusste nicht gleich, was zu antworten ist, und deshalb habe ich ihn gefragt, ob
er das gut oder schlecht findet. Der hat sich ein paar Sekunden überlegt und gesagt,
dass so viele Touristen einen auf seinem Weg stören.
Nowosibirsk hat keine architektonischen Meisterwerke, die Touristen
faszinieren. Das Gesicht der Stadt ist sachlich, nicht mal berühmte russische Holzarchitektur
ist hier zu bewundern. Einige weniger Häuser
im Stadtzentrum zählen nicht, denn sie bestimmen nicht die Gestaltung der Stadt. Eher erinnern sie uns
daran, was Nowosibirsk in seiner Vergangenheit war, die eigentlich keine ist, denn 119 Jahre
für eine Stadt sind immer noch Gegenwart.
Die Architektur von Nowosibirsk kann also einem nicht den Atem berauben, wie es in Sankt-Petersburg der Fall ist. Und auf dem
Lenin-Platz laufen nicht als Lenin und
Stalin verkleidete Schauspieler, wie es oft auf dem Roten Platz in Moskau zu
sehen ist. So was Kitschiges anzubieten wäre für Sibirier peinlich. Was können
wir aber anbieten, damit einem das Herz dahin schmilzt, wenn es „Nowosibirsk“
hört? Meine Antwort wäre eine ganz einfache: Menschen sind unser Schatz, aber unser
großer Schatz, nicht Öl oder Gas, denn eben Menschen, die den Grundstein einer
Stadt legen, sind etwas, ja sogar sehr
viel, wert. Und wir, Nowosibirsker, sind
immer noch am Ursprung unserer Geschichte.
Ich bin mir absolut sicher, dass Begegnungen mit Menschen einem
bereichern, nicht Dividenden, Rendite und Renten von Bodenschätzen.
Menschen in Sibirien sind selbst für Russland was besonderes, denn bei so einem
rohen Klima, unter harten Umständen zu
leben und Mensch zu bleiben, ist eine Heldentat, die man jeden Tag begeht, ohne
es an die große Glocke zu hängen . Wir machen uns eigentlich keine Gedanken
darüber, dass wir eine Art Helden sind. Wir leben unser Leben und freuen uns
auf Begegnungen mit neuen Leuten.
Wie sieht es aber mit Touristen aus? Ehrlich gesagt, mag ich keine Touristen. Ich bin selber nicht
gerne eine Touristin. Touristen zu sein riecht nach Leichtsinnigkeit,
Wegwerfmentalität. Leute, die ständig mit der Kamera knipsen, aus dem Bus – oder
Zugfenster ein Land kennen lernen wollen, kommen bei einem Sibirier nicht gut
an. Das heißt ja aber nicht, dass
Touristen einen schlechten Service bekommen. Das nicht! Ein Double Tree
by Hilton bleibt auch in Nowosbirsk ein DoubleTree by Hilton. Viele Cafes bieten neben Wi-Fi russische, europäische, chinesische,
japanische, georgische Küche an. Unser Opernhaus mit 2 500 Sitzplätzen
wirft einen schon alleine mit seiner Größe um. Und prachtvolle Innengestaltung
unseres Hauptbahnhofs kann einem
Europäer den Atem rauben, der gewohnt ist, einen Bahnhof als Ort zur An- und
Abreise zu sehen. Sicher wird ein Reiseführer einer Touristengruppe aus 40-50
Leuten den auswendig gelernten Text über die Stadt am Ob erzählen. Aber das Wesentliche
bleibt für einen Touristen für immer ein
Geheimnis, und zwar die Seele der Stadt. Die Seele der Stadt bekommt man nicht
zu spüren, in dem man aus einem Bus in
den anderen springt oder schnell durch die Stadt läuft. Besonders die Seele von Nowosibirsk, der Stadt
mit vielen Plattenbaugebäuden, bleibt
für einen Touristen grau. Das ist der Trick der Stadt, den sie benutzt, um
leben zu können, ohne dass sie dabei Touristenscharen stören.
Hinter grauen Fassaden herrscht das
Leben, das eher nach innen als nach
außen gerichtet ist, denn draußen kann der Winter 5 Monate lang dauern, und das
soll nicht heißen, dass das Leben eingefroren werden muss, das Leben eines
modernen Menschen mit all seinen Bedürfnissen. Wenn Sie es schaffen, die Schwelle eines Büros,
eines Theaters, einer Gemäldegalerie oder einer Wohnung nicht als Tourist,
sondern als Gast zu betreten, bleiben Sie für immer in Sibirien, in Nowosibirsk
verliebt. Gäste werden beim obligatorischen Teetrinken schnell zu
Freunden, denn Tee erwärmt den Körper und Gespräche dabei erwärmen das Herz. Viele Deutsche, die in Nowosibirsk waren, und
nicht als Touristen, sondern zum Arbeiten oder zum Studium, erinnern sich nicht
an das Opernhaus, wenn es auch das größte in Russland ist, sondern an
Bekanntschaften und Freundschaften. Unsere wahre Gastfreundschaft gilt für
Freunde. Und den Touristen bietet man einen guten Service an. Das ist jetzt
Ihre Wahl, ob Sie nach Nowosibirsk kommen und wenn schon, dann als Tourist oder
Gast. Auf jeden Fall freuen wir uns auf alle Begegnungen.